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Full text of "Psychoanalyse. Ihre Bedeutung und ihr Einfluss auf Jugenderziehung, Kinderaufklärung, Berufs- und Liebeswahl."




IHRE BEDEUTUNG UND IHR EINFLUSS AUF 
JUGENDERZIEHUNG, KINDERAUFKLÄRUNG, 

BERUFS- UND LIEBESWAHL 



AN BEISPIELEN AUS DEM LEBEN 
GEMEINVERSTÄNDLICH DARGESTELLT VON 

DR. RUDOLF URBANTSCHITSCH 




19 2 4 

WIEN UND LEIPZIG 

VERLAG VON MORITZ PERLES 









r 



PSYCHOANALYSE 

IHRE BEDEUTUNG UND IHR EINFLUSS AUF 

J UGENDERZIEHUNG, KINDERAUFKLÄRUNG, 

BERUFS- UND LIEBESWAHL 



AN BEISPIELEN AUS DEM LEBEN 
GEMEINVERSTÄNDLICH DARGESTELLT VON 

DR. RUDOLF URBANTSCHITSCH 



VORTRAG, 
GEHALTEN IN DER URANIA IN WIEN IM SEPTEMBER 1924 




1 9 2 4 

WIEN UND LEIPZIG 

VERLAG VON MORITZ PERLES 

WIEN. I., SEILERGASSE 4 



^ C ( - ä. 



Alle Rechte, einschließlich des Rechtes der 
Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Grüdor Holllnok, Wim, III. Stcinjasse 25. 



Meine Damen und Herren! Ich weiß natürlich nicht, was 
und wieviel jedem von Ihnen über die Psychoanalyse bekannt 
ist. Aber was immer Sie auch bisher über diesen Gegenstand 
gehört oder gelesen haben, Sie werden sich — trotz alles 
Interesses — gerade in den wichtigsten Punkten ungläubig, 
skeptisch oder ablehnend darin verhalten, mögen Sie Ärzte 
sein oder nicht. Die von der Psychoanalyse aufgestellten 
Thesen finden Sie oft übertrieben, ja ungeheuerlich, die Be- 
hauptungen über die Sexualität einseitig und widerwärtig. Das 
geht fast Allen so. Und auch die Wenigen von Ihnen, die 
sich der Lehre gegenüber sympathisch verhalten, werden immer 
wieder auf Gedanken und Aussprüche stoßen, die sie nicht 

-annehmen wollen. 

Ja, wie wegen dieser oder jener schlechten Eigenschaft 
oft auch ein sonst wertvoller Mensch von der Gesellschaft 
abgelehnt wird, wird oft die Psychoanalyse in Bausch und 
Bogen verworfen, weil dem oder jenem dieses oder jenes 

nicht gefällt. 

Und doch kann die. Psychoanalyse trotz alles Spottes und 
aller Feindschaft nicht sterben. Ja im Gegenteil: sie gewinnt 
speziell im Ausland in ungeahnter Weise Boden. 

Ich muß offen gestehen, daß mich die siegreiche Behaup- 
tung der Psychoanalyse weit mehr wundert als deren Ab- 
lehnung. 

Als Pr ofessor Freud vor mehr als 50 Jahren die Psycho- 
analyse, begründete, habe ich mich zu sein er neuen' Lehre 
mächtig hing ezogen gefühlt und wurde einer sei ner ersten 
Schüler. A ber je mehr ich von seinen Anschauungen vernahm, 
desto mehr erregte es meinen inneren Widerstand; ja, ich 



muß bekennen, bisweilen auch ein ausge sprochenes Ekel- 
gefühl. 



Kennen Sie die Fabel Schopenhauers von den Stachel- 
schweinen? Viele von diesen waren in einem Wald. Es war 
grimmig kalt. Um sich zu wärmen, preßten sie sich anein- 
ander, dabei verletzten sie einander durch die Stacheln; so 
wichen sie auseinander; doch die Kälte trieb sie wieder zu- 
sammen, bis sie die richtige Entfernung fanden, sich weder 
zu verletzen noch zu erfriere n. 

So erging es mir mit der Psychoanalyse, bis ich mich vor 
einigen Jahren selbst analysieren ließ. Seither weiß ich es: 
Psychoanalyse ist eine Wissenschaft, die man nicht aus 
Büchern lernen kann, Psychoa nalyse muß man er- 
leben! 

Wenn ich Ihnen, meine Damen und Herren, also jetzt 
einen wissenschaftlichen Vortrag über die Lehre der Psycho- 
analyse hielte, so hätten Sie gerade soviel — oder vielmehr 
so wenig — , als wenn Sie wissenschaftliche Werke darüber 
läsen. Worte, die Sie wieder vergessen werden. Anderseits 
können Sie in der kurzen Zeit, die ich jetzt mit Ihnen ver- 
bringen werde, die Psychoanalyse natürlich auch nicht an 
sich selbst erleben. 

Aber ich schlage Ihnen einen Mittelweg vor : Mit mir direkt 
in die Werkstatt der Psychoanalyse einzutreten, und Beispiele 
aus dem Leben unmittelbar auf sich einwirken zu lassen, und 
erst an der Hand dieser, die unvermeidlichen, dazwischen ge- 
streuten theoretischen Erörterungen über sich ergehen zu 
lassen. — Ich beginne mit einem Fall, der näher zum Nor- 
malen, als zum Krankhaften liegt, — mit einem sogenannten 
Grenzfall. (]a, ich möchte fast behaupten, daß es mehr Grenz- 
fälle als normale gibt. Nur wissen es die Betreffenden gewöhn- 
lich nicht.) 



Eine Dame kommt zu mir und bittet mich um Rat 
für ihre zwanzigjährige Tochter Ilse. Sie hat sich in 
einen jungen Mann aus gutem Hause verliebt, und sollte ihn 
demnächst heiraten. Die Eltern billigen in jeder Beziehung 



U 



4 



diese Wahl. Und so wäre alles in bester Ordnung. Aber seit 
einiger Zeit treten merkwürdige Erscheinungen bei Ilse auf. 
Plötzlich, oft mitten in einem harmonisch zärtlichen Gespräch 
mit ihrem Bräutigam, zeigt Ilse deutliche Zeichen von Abscheu 
und Widerwillen gegen ihn. Will er sich ihr nähern, so zuckt 
ihre Hand ganz unwillkürlich auf, als ob sie ihn schlagen 
möchte. Sie eilt von ihm und weigert sich, ihn zu sehen. Doch 
bald darauf sehnt sie sich wieder in voller Liebe nach ihm; 
sie kommen wieder zusammen, bis das Spiel zwischen Liebe 
und Haß von neuem beginnt. Ilse ist ebenso unglücklich dar- 
über, wie Bräutigam und Eltern, und kann es sich ebenso- 
wenig erklären wie diese. In der Familie keine Nerven- oder 
Geisteskrankheiten, das Mädchen sonst vollständig normal. 
Man denkt bereits daran, die Verlobung wieder aufzulösen. 

Nun kommt Ilse in meine Behandlung, die vorläufig nur 
ganz oberflächlich sein kann, da mir nur 14 Tage zur Ver- 
fügung stehen. Alles Forschen nach den Beweggründen ihrer 
Handlungsweise scheint um so vergeblicher zu sein, als sie es 
ja selbst nicht weiß, und sie seit der Abwesenheit ihres Bräu- 
tigams keine Gefühle des Widerwillens mehr gegen ihn verspürt, 
sondern nur Liebe und Sehnsucht. So bitte ich auch diesen zu mir 
und lasse mir die letzte Szene wiederholen, bei der in Ilse 
die widerspenstigen Empfindungen aufgetreten waren. 

Sie stehen beim Klavier, er erklärt ihr eine Stelle aus den 
Noten. Ich beobachte den jungen Mann scharf: seine Stirne 
ist dabei gefaltet, sein Kopf leicht nach rechts gebeugt, 
wobei er Ilse etwas schielend von unten herauf anblickt. Da, 
ganz unvermittelt, stößt das Mädchen einen leisen Schrei aus, 
ihre rechte Hand zuckt auf, und sie weicht voll Entsetzen von 
ihm zurück. 

Nun stelle ich durch einige Wiederholungen unzweifelhaft 
fest, daß speziell Kopfneigung und Blick diesen Effekt bei Ilse 
auslösen, anderseits, daß ihr stereotypes Aufzucken der Hand 
nicht eine aggressive Bewegung gegen ihn bedeutet, sondern 
mehr einer ängstlichen Schutz- und Abwehrmaßregel gleicht; 
wie überhaupt ihre scheinbare Abscheu mehr als Furcht zu 
bezeichnen ist. 






/ -a 



l 



auf die Zuhörer so befriedigend wirken wie ein schönes 
Märchen. So einfach und klar. Aber leider geht die Wirk- 
lichkeit andere Wege. 

Vergebens bat ich das Brautpaar, mit seiner Verheiratung 
noch zu warten, da ich nicht annehmen könne, daß dieses 
Jugendereignis keine tieferen Spuren im Wesen Ilses hinter- 
lassen habe, die erst getilgt werden müssten. Ilse erklärte sich für 
vollkommen von jeglichem Drucke befreit, „sie lieben einander 
und brauchen somit keinen weiteren Aufschub ihrer Ehe". So 
heirateten sie und ich hörte monatelang nichts mehr von ihnen, 
so daß meine üblen Vermutungen über die Zukunft dieser 
Ehe scheinbar sich als irrige erwiesen. 

Aber Monate später erscheint Ilses Gatte bei mir und klagt 
über seine Frau: Ilse behaupte zwar, ihn nach wie vor zu 
lieben; aber sexuell sei sie abweisend und völlig frigid. 
(Das Los unzähliger Frauen!) Er selbst dadurch unbefriedigt 
gehe seine eigenen Wege, denen Ilse voll Eifersucht nach- 
spioniere. Unerquickliche Szenen folgen. Kurz der Beginn einer 
der vielen unglücklichen Ehen. (Das Kapitel der unglücklichen 
Ehe beabsichtige ich in einem eigenen Vortrag ausführlich zu 
behandeln.) 

So mußte sich Ilses Ehe, wie ich erwartet hatte, unglück- 
lich gestalten. 

Aus dem bisher über Ilse Gesagten ergeben sich zwei wich- 
tige Fragen, die wir folgendermaßen präzisieren wollen: 

1. Warum wirft das Kindheitserlebnis Ilses mit ihrer Eng- 
länderin so schwere Schatten auf ihr Leben? 

2. Wie ist es möglich, daß Ilse sich an so wichtige Ereig- 
nisse nicht mehr erinnern konnte, an Ereignisse, die doch 
ihre Gefühle und Handlungen Jahrzehnte später noch so 
mächtig beeinflussen? 

Ich kann Ihnen die erste Frage nicht beantworten, ohne 
vorerst den sexuellen Werdegang des Menschen kurz dar- 
zulegen. Leider werde und muß ich dabei Ihren Widerspruch 
erregen, wie Sie sich gleich selbst überzeugen werden. 

Wir Menschen haben in der Norm zwei wichtige sexuell e 
Entwicklungsperioden. Die erste von der Geburt bi s zirka zum 

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vierten bis fünften Lebensjahr, die zweite in der sogenannten 
Pubertätszeit ungefähr vom zwölften bis achtzehnten Lebens- | 



jähr. In der ersten Sexualperiode ist das kleine Kind ein Spiel- 



ball seiner verschiedensten sexuellen Strömungen. Hemmungs- 



los vereint der werdende Mensch alle Arten von sogenannten 
Perversitäten in sich. Der Ideine Bub ist eifersüchtig bis zum 



Todeswunsch gegen seinen Vater und will die Mutter heiraten, 
umgekehrt das kleine Mädel, das seine Mutter haßt. 

Die Eltern lachen über solche Kindereien und ahnen nicht, 
daß an diesem sogenannten Ödipuskomplex^ wir alle einmal 
gelitten haben und viele Menschen daran, ohne davon zu wissen, 
ihr ganzes Leben kranken. 

Doch weiters liegen ebenso in der kindlichen Seele: 
Konzentrierte Eigenliebe, die wir Narzißmus nennen, Homo- 



sexualität und sadistische Regungen (Zerstörungswu t, Grau- 
samkeiten aller Art, Tierquälereien etc.) 

Diese Behauptungen erregen und erregten stets einen 
Sturm von Entrüstung und Widerstand. Und doch muß man 
sich an den Kopf greifen, daß diese so allgemein ersichtlichen 
Wahrheiten — von denen sich jede Mutter, die sehen kann, 
jede Erzieherin, die mit Liebe und Verständnis ihre Pfleglinge 
betreut, täglich, stündlich, immer wieder überzeugen kann — , 
daß diese Wahrheiten sich so schwer die wissenschaftliche 
Sanktion erringen können. Das sind doch um Gotteswillen 
Tatsachen, die klar denkende Eltern tausendfach bestätigen 
müssen! 

Warum wir selbst uns an diese unsere früheste Kinderzeit 
absolut nicht mehr erinnern, — also aus Erfahrung an unserem 
eigenen Leben nicht mehr darüber urteilen können, — werde 
ich Ihnen später ausführen. 

Mit de r Reifung des Kindes beginnen sich normalerweise 
alle sexuellen Partialtriebe genital zu lokalisieren. 

Die meisten Menschen glauben, daß sexuell und genital 
dasselbe ist, während doch die einfache Überlegung von der 
Existenz der Perversitäten, wo sich sexuelle Strebungen eben 
nicht auf das Genitale beziehen, diesen Irrtum klar erweisen 
müßte. 



I 



Diese vereinten sexuellen Strömungen stellen sich vom 
Beginn der Pubertät an in den Dienst unserer Fortpflanzungs- 
aufgabe. Die Ablöse von der nazistischen Eigenliebe, von 
Eltern, eventuell von Geschwistern wird vollzogen, bis sich 
nach einigen Abirrungen, wie etwa der in diesem Alter normal 
zu nennenden Masturbation, oder nach einigen Reminiszenzen 
der Homosexualität (der s chwärmenden Liebe zwischen Kame- 
raden oder der gegenseitigen Mädchenfreundschaften) , allmäh- 
lich die normale Liebe zum anderen Geschlechte entwickelt. 



Das sollte der sexuelle Werdegang des Normalmenschen 



seinFAb er viele erreichen dieses Ziel überhaupt nicht und 
bleiben an den Vorstufen der sexuellen Entwicklung, ver- 
drängten Inze stwünschen, Homosexualität, Onanie etc. haftenT 



Andere erreichen zwar das Ziel, werden aber durch Hemm- 



nisse, jwie Liebesenttäuschungen später wieder rückfällig. Wie 
wir sagen: sie regredieren auf eine frühere Sexualentwick- 
lungsstufe. Die meisten von uns aber schleppen Bruchstücke 
aus ihrer früheren Sexualperiode lebenslang mit sich. So 
manche sind die Opfer einer falschen Kindererziehung. 

Darauf näher hier einzugehen, würde uns jetzt zu weit von 
unserem Falle Ilse abführen. Aber erlauben Sie mir nur einige 
wenige Worte über Kindererziehung hier einflechten zu dürfen. 
So wie ich im vorigen Winter Lehrern und städtische Für- 
sorgerinnen Vorträge über die Anwendung der Psychoanalyse 
auf Jugendliche gehalten habe, so notwendig erachte ich es, 
einmal die Eltern über wichtige Gesichtspunkte in der Kinder- 
erziehung aufzuklären. Sie würden sich und ihren Kindern viel 
Kummer und Sorge ersparen. 

Für diesmal nur möchte ich den Eltern zurufen: 
Schlaget nie ein Kind! Jagt ihm nie Angst ein! Sprecht 
über natürliche Sachen natürlich und offen mit ihm! Lügt nie 
ein Kind an! Beantwortet jede seiner sexuellen Fragen indem 
Zeitpunkt, wo er sie stellt, ehrlich und ohne Scheu! Ihr werdet 
mit Erstaunen sehen, wie heiter und harmlos es dadurch blei- 
ben wird. Legt sexuellen Unarten keine zu große Bedeutung 
bei! Hier können Drohungen von bleibendem Schaden werden. 
(Kastrationskomplex.) Und vor allem hütet Euch vor zu wenig 



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A 



und vor zuviel Liebe in der Erziehung! Ein Kind muß schon 
bis zum fünften Lebensjahr erzogen sein. Ist eine solche 
Grundlage geschaffen, dann wirken mehr als alle Gebote und 
Verbote das eigene gute Beispiel, die Harmonie des Heims- 

Doch kehren wir endlich zu unserer ersten Frage zurück: 
Warum wirft das Kindheitserlebnis Ilses mit ihrer Engländerin 
so schwere Schatten auf ihr Leben? 

Ilse war bei ihrem Erlebnis mit der Engländerin gerade in 
ihrer ersten Sexualperiode. Durch die fast einjährige Abwesen- 
heit ihrer Mutter hatte sie in ihrer Erzieherin eine Art Mutter- 
ersatz gesehen, und sie mit der ganzen schwärmerischen Liebe 
eines zärtlichen Kinderherzens überschüttet. Unvermutet erfolgt 
nun eine Züchtigung, die Ilse — tief erschreckt — als unge- 
rechtfertigt empfindet; bald erkennt sie auch, daß die Schläge 
nicht als Strafe gelten konnten, da sie hernach ebenso un- 
motiviert Zärtlichkeiten und Süßigkeiten empfängt. Infolge ihres 
eigenen, in diesem Alter normalen sadistischen Partialtriebes 
spürt das Kind irgendwie intuitiv, daß die Schläge einer Art 
Lustgewinnung dienen, fühlt so die perversen Sexualstrebungen 
ihrer Erzieherin heraus, die sich nun tief in die bildsame 
Kinderseele eingraben. Der Mutter kann sie sich nicht anver- 
trauen, denn diese ist nicht hier; sie würde sich ihr vielleicht 
auch nicht anvertrauen, denn die bereits erwachten Lustgefühle 
verhindern sie daran. Die sadistisch-masochistischen Anlagen 
des Kindes aktivieren sich inzwischen. 

Wenn jemand Grausamkeiten gegen andere verübt und 
dabei Lust empfindet, so nennen wir ihn einen Sadisten. 

Wenn jemand Grausamkeiten gegen sich selbst verübt und 
dabei Lust empfindet, so nennen wir ihn einen Masochisten. 

So ist Masochismus eigentlich ein Sadismus, der gegen die 
eigene Person gerichtet ist. 

Ein sexuelles Erlebnis in einer kindlichen Sexualperiode 
hinterläßt aber nicht zu verwischende Spuren, die schon er- 
wähnten Fixierungen an eine unfertige Stufe der Sexualent. 
Wicklung, von denen Ilse sich unmöglich ohne Erkenntnis 
ihrer tiefen Seelenvorgänge befreien kann. Solange diese 

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■l 

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Fixierungen bestehen, müssen sich schwere Störungen in ihrem 
Sexualleben zeigen. (Kinder als Opfer sadistischer Handlungen 
kranken oft zeitlebens daran. Deshalb begrüßen wir es mit 
Freuden, daß die Gerichte solche Handlungen so streng ver- 
urteilen. Auch die scheinbar gerechtfertigten Schläge in der 
Erziehung können solche Wirkungen auslösen.) 

Das war es, was ich auch von Ilses Ehe befürchtet hatte 
und was mir nun ihr Mann bestätigte. 

„Helfen Sie uns", bittet mich dieser. „Ich liebe Ilse, aber 
anderseits kann man nicht verlangen, daß ich asketisch lebe. 
Was soll ich tun?" 

Nun! Die Sinnlichkeit eines pervers veranlagten Menschen 
erregt man bekanntlich nur durch Befriedigung seiner perver- 
sen Neigung. Ein Homosexueller bleibt gegenüber den Reizen 
des anderen Geschlechtes teilnahmslos, ein Fetischist (der nur 
von einem bestimmten Teil oder Gegenstand der geliebten 
Person sinnlich erregt wird), ein Fetischist also, zum Bei- 
spiel für einen ganz speziellen Haaransatz im Nacken, wird 
nur dann in Liebe zu einer solchen Dame entbrennen, wenn 
er gerade diesen Haaransatz sieht, aber unempfindlich bleiben, 
wenn dieser abrasiert ist. (Ich wähle gerade dieses Beispiel, 
weil es mir eben vorgekommen ist. Die betreffende Dame hat 
sich buchstäblich seine Liebe zu ihr damit abrasiert. Etwas 
von Fetischismus lebt übrigens in den meisten von uns. Die 
Vorliebe für etwa einen schlanken Fuß oder eine schmale 
Hand.) 

So hätte ich, um Ilses Sinnlichkeit zu ihrem Mann zu 
wecken, diesem bloß den Rat zu geben: „Schlagen Sie Ilse 
ins Gesicht, dann wird sie Sie mit heißer Liebe begehren." 

Aber davon würde Ilse nicht geheilt werden, sie würde 
nur noch stärker an ihrem Masochismus haften. 

So gab es nur einen Rat: durch eine vollständige 
Analyse bei Ilse die Sexualfixierungen aus ihrem Unbewußten 
zu lösen. 

Dies geschah auch mit restlosem Erfolg. 

Die Technik, mittels der man in das Unbewußte eines 
Menschen eindringen kann, wie ich es bei Ilse gleich schil- 

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l 



dem werde, hängt innig mit unserer zweiten Fragestellung 
zusammen: 

Wie ist es möglich, daß sich Ilse an so wichtige Ereig- 
nisse nicht mehr erinnern konnte, an Ereignisse, die doch ihre 
Gefühle und Handlungen Jahrzehnte später noch so mächtig 
beeinflußten? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht leicht. 
Handelt es sich doch hier um die Erfassung des Unbewußten 
in uns. 

Ich muß jetzt an Ihre Aufmerksamkeit appellieren. Aber wenn 
Sie durchhalten können und den Sinn meiner Worte erfassen, 
so haben Sie damit auch den Kernpunkt der Psychoanalyse 
erfaßt. 

Denn mit dem vielumstrittenen und mühsam erstrittenen 
Begriff des Unbewußten gelangen wir an den mächtigsten 
Grundpfeiler der Psychoanalyse. Aber verstehen wir uns 
recht! Ich spreche jetzt nicht von all' dem Nichtbewußten, das 
uns bloß nicht gegenwärtig ist, das uns aber mit Hilfe ge- 
steigerter Aufmerksamkeit und geistiger Konzentration wieder 
zum Bewußtsein kommen kann. Alles das liegt in unserem 
Gehirn wie in einer großen dunklen Schatzkammer. Der Licht- 
strahl unseres Bewußtseins beleuchtet einmal diesen Teil und 
einmal jenen. Aber auch dort, wo kein Lichtstrahl hindringt, 
sind Schätze vorhanden, nur sehen wir sie gerade nicht, weil 
sie im Dunklen liegen. Diese Art des Nichtbewußten ist uns 
nach Gutdünken zugänglich. Die Psychoanalyse nennt es das 
Vor bewußte. 

Aber dasJJnbewußte in uns, das ich jetzt besprechen will, 
werden Sie vergeblich in dieser Kammer suchen. Das liegt 
viel viel tiefer in uns, wohin kein Lichtstrahl unseres Be- 
wußtseins dringen kann. Dort leben selbständig wirkende 
seelische Kräfte, unabhängig von unserem Wissen und Willen, 
ganz unerkannt von unserem Bewußtsein. Das allein nennt 
die Psychoanalyse das Unbewußte. Jahrzehntelang haben die 
Philosophen die Annahme dieser Tatsachen verweigert. Unbe- 
wußte seelische Kräfte, die uns zu Handlungen und Gefühlen 
veranlassen und von denen wir selbst gar keine Ahnung 
haben sollen?! Das klingt sehr unglaubwürdig und paradox. 

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/ 






Aber haben wir nicht genug Analogien im Körperlichen? 
Wirken nicht körperliche Kräfte in uns, die vollkommen un- 
serer Erkenntnis entzogen sind? Verstehen wir etwa, wie unsere 
Leber Galle bereitet, oder etwa die Brustdrüsen einer stillenden 
Frau die Milch in genau der komplizierten chemischen Zu- 
sammensetzung erzeugen wie sie allein der Säugling verträgt? 
Oder wissen wir, wie unsere weißen Blutkörperchen die ein- 
gedrungenen Bakterien bekämpfen? Kurz, sind wir nicht Fremd- 
linge in unserem eigenen Körper?! Sehen wir aber klarer in 
unserer Seele? Wissen wir immer, warum uns dieser Mensch, 
diese Blume, diese Gegend sympathisch ist oder nicht? 
Warum wir plötzlich diese Stimmungen öder Gedanken haben? 
Warum wir uns vor dieser oder jener Speise ekeln? Wir, 
als logisch denkende Menschen, sind zwar allerdings gewohnt, 
unseren Handlungen und Empfindungen stets Motive zu unter- 
schieben. Aber sind auch diese immer die wirklichen? 

Ich kann Ihnen kein besseres Beispiel von einer dies- 
bezüglichen Selbsttäuschung bringen, als ein selbsterlebtes: 

Als ich im Kriege über die Gebirge Asiens ritt? wußte 
mein Pferd nicht, wohin es seine Hufe setzen sollte, ohne 
auf sterbende Armenier zu treten, mit denen die Paßstraßen zu 
vielen Tausenden bedeckt waren. Hernach im Eisenbahnzug 
über den Libanon nach Damaskus erinnerte ich mich an diese 
furchtbaren Greuelszenen, mir wurde todübel und ich fühlte 
mich plötzlich sterben mit dem sicheren Bewußtsein, daß mich 
die schrecklichen Erlebnisse nunmehr töten. In Wirklichkeit 
war es aber eine Kohlenoxydgasvergiftung von den im Waggon 
aufgestellten offenen Kohlenbecken, den Mangals. Das un- 
sichtbare Gas wirkte auf mich ein, mein Bewußtsein suchte 
nach einem logischen Grund meines Unwohlseins und klam- 
merte sich an die Emotion der jüngsten Erlebnisse. Wie viele 
solcher Fehlschlüsse machen wir alle immer wieder, weil uns 
die wahren Gründe verborgen bleiben! 

So stehen wir von der Geburt an unter dem Einfluß un- 
serer vererbten Triebe und Instinkte, die nur zum geringen 
Teil von unserem Bewußtsein erfaßt werden können. 

Wenn wir heute unsere Stadthunde fragen könnten, 

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warum sich so viele von ihnen vor dem Niederlegen mehr- 
mals im Kreise herumdrehen, sie würden uns antworten : „Wir 
wissen es nicht. Es treibt uns dazu, unabhängig von unserem 

Willen." 

Könnten wir zu den Hunden sprechen, so würden wir sie 
aufklären, daß ihre wolfsähnlichen Vorfahren vor vielen Tau- 
senden von Jahren in den Prärien gelebt haben, wo sie bei 
Nacht im meterhohen Gras erstickt wären, wenn sie es nicht 
vorher niedergetreten hätten. Wir könnten sie ferner aufklären, 
daß ihre zwangsartige Gewohnheit, Ecksteine und prominente 
Stellen für ihre Bedürfnisse zu benützen, einst lebenswichtigen 
Fortpflanzungsmöglichkeiten gedient hat, damit Hund und 
Hündin in den weit entlegenen Steppen durch diese zurück- 
gelassene Spur den Weg zueinander finden. Heute sind 
alle diese Gewohnheiten überflüssige, sinnlose Instinkte ge- 
worden, die man zwar den Hunden durch Dressur abge- 
wöhnen, aber doch nicht vernichten kann; denn seine Jungen 
beginnen ebenso wieder mit der alten Gewohnheit, wie auch 
er selbst im Affekt wieder rückfällig wird. Zell hat viele 
Gewohnheiten unserer Haustiere so erklärt. 

Wie viele unzählige Gewohnheiten unserer Ahnen bringen 
wir noch als Triebe in unser Dasein mit, die wir doch die 
ganzen Entwicklungsstufen des Tierreiches durchgemacht 
haben, wie es uns der wachsende Embryo im Mutterleib be- 
weist, der in neun Monaten den hunderttausend Jahre alten 
Weg von der Urzelle über Wurm, Fisch, Amphibium zum 
Säugetier erst zurücklegen muß, um zum Menschenkind zu 
reifen. Welchen Wandlungen von Trieben waren wir so vor 
der Geburt schon unterworfen! Und doch, wer kann es wissen, 
welche Reste von Instinkten aus den frühesten Tierepochen 
uns unter der Fülle von vererbten Gewohnheiten unserer 
menschlichen Vorfahren noch heute irgendwie anhaften, so wie 
etwa die Mimik bei unseren Affekten bei Freude, Schmerz 
und Zorn dieselben Muskelgruppen automatisch in Bewegung 
setzt, wie wir es bereits auch an Tieren beobachten können. 
Diesen Weg bis zur Urzelle wieder zurückzuschreiten, bis 
zum Nirwana, bis zum Nichts, macht sich der Buddhismus zu 

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j 



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seiner asozialen Aufgabe. Die Psychoanalyse verfolgt bloß die 
Wege über die Kindheit bis zur Geburt des Menschen, und 
schließt aus dessen Gewohnheiten und Trieben auf das, was 
er vom Leben seiner Ahnen mit sich führt. 

Wir, in der Psychoanalyse, achten die Instinkte der Men- 
schen als natürliche, ihm zugedachte, von denen er sich nicht 
unter dem Einflüsse einer zu strengen Erziehung und zu hohen 
Kulturforderung zu weit und zu schnell entfernen darf, ohne 
dauernden Schaden an seinem ureigenen Wesen zu erleiden, 
das ist also: an seinem Lebensglück. 

Das werdende Kind lebt in seiner ersten Sexualperiode — 
wie wir gehört haben — unbekümmert sein reines ver- 
erbtes Triebleben. Erst zu Ende der ersten Sexualperiode wird 
das Kind schamhaft. Alle früheren sexuellen Kindheitserin- 
nerungen mit ihren Gefühlen und Affekten werden jetzt um so 
tiefer in sein Unbewußtes verdrängt, je strenger eben die Er- 
ziehung war, je höhere kulturelle Schranken seinen Trieben 
gezogen wurden. 

Mit Hilfe seines erwachten Bewußtseins, unterstützt von 
verständigen Eltern, lernt das Kind seine Triebe beherr- 
schen. Aber unaufgeklärt, eingeschüchtert durch die stren- 
gen Verbote entwickelt es Schuldgefühle, die verstärkt, 
durch die in ihm erzieherisch wachgerufenen Empfindungen 
von Widerwillen und Ekel vor seinen bisherigen sexuellen 
Trieben, die Verdrängung seiner Strebungen ins Unbewußte 
vollziehen. Aber wohlgemerkt: die sexuellen Triebe werden ver- 
drängt, nicht getötet. Diese Verdrängung verhindert die 
meisten Menschen, über sexuelle Angelegenheiten natürlich 
und ruhig sprechen zu können. 

Durch diese Verdrängung ins Unbewußte ist dem Kind 
eben auch die Erinnerung an seine erste Kinderzeit benommen, 
was doch um so bemerkenswerter ist, als in dem unbeschrie- 
benen Wachs der Kinderseele die ersten Eindrücke die tief- 
sten sind. 

Unsere bewußten Kindheitserinnerungen setzen erst nach 
der ersten Sexualperiode ein, am lebhaftesten von der Pu- 
bertätszeit an, während die weitaus wirkunsvolleren der ersten 



16 



Sexualperiode — ■ unserem Bewußtsein entzogen — unsere 
scheinbar unmotivierten Launen, Stimmungen und Gefühls- 
richtungen mächtig beeinflussen, ja oft verursachen. 

Diese nunmehr im Unbewußten lebenden Triebe können 
sich durch sexuelle Versuchungen so verstärken, so quälend 
werden, daß ihre Opfer sich schließlich im Kampfe gegen 
ihre unbewußten Schuldgefühle in die Neurose flüchten, nervös 
oder hysterisch werden, Angstzustände bekommen, oder an 
Zwangsvorstellungen erkranken. Sie alle erleiden nur deshalb 
im Leben seelischen Schiffbruch, weil sie gegen ihre über- 
mächtigen Triebe moralisch stark bleiben wollen und dabei 
in der Erziehung keine Hilfe gefunden haben. 

Wie viele seelische Kräfte werden hier in dem Kampfe 
zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein nutzlos vergeudet und 
höheren Zwecken entzogen! 

Mehr oder minder leiden fast alle Menschen an diesen 
Konflikten, wenn sie auch nicht neurotisch erkranken. 

Sagen wir zum Beispiel: ein Bub hegt einen Inzestneigung 
zu seiner Mutter. (Ein beim Kind bis zum fünften Lebens- 
jahr regelmäßiges Vorkommen!) Erziehung und Kultur tür- 
men unüberbrückbare Schranken vor der Realisierung seiner 
Strebung auf. Im ungestörten Entwicklungsgang hätte der 
Knabe in der Pubertätszeit die Ablöse gefunden. Aber die 
übergroße Verzärtelung von seiten seiner Mutter läßt ihn nicht 
los von dieser, oder eine große Liebesentläuschung im späteren 
Leben führt ihn wieder zu ihr zurück; der Konflikt in ihm 
zwischen Wollen und Sollen endet zwar mit dem scheinbaren 
Sieg der Kulturforderungen; sein Wunsch wird in das tiefste 
Unbewußte verdrängt und verbannt, und so von ihm nicht 
mehr erkannt, da ja sein Bewußtsein von der frevelhaften 
Neigung nichts mehr wissen will. Um ja sicher vor der 
bloßen Möglichkeit eines Wiederauftauchens dieser zu sein, 
verstärkt das Bewußtsein seinen Widerstand gegen diesen 
unbewußten Wunsch mit Ekelgefühlen und Widerwillen. So 
können gerade solche Menschen sich gegen ihre Mutter be- 
sonders unfreundlich und unkindlich benehmen, bloß aus über- 
triebener Angst vor ihren zu starken Gefühlen zu ihr. Ein 



Urbantschi I seh, Psychoanalyse. 2 



17 



solcher Mensch wird sich auch nicht so leicht zu einer Ehe 
entschließen können, weil ihn sein Unbewußtes immer zu 
einem Mutterideal drängt, das er trotz fortgesetztem Wechsel 
in der Wahl seiner Geliebten nicht finden kann. Ein solcher 
Mann ist direkt prädestiniert zu einer fortwährenden Untreue. 
Heiratet er nun doch endlich, so ist die gewöhnliche Folge 
seine sexuelle Impotenz. Er sieht unbewußt in seiner Frau 
die Mutter, gegen die man keine Inzestwünsche hegen darf, 
unbewußte Schuldgefühle hemmen ihn. Und gerade die Frau, 
die er liebt, kann er nicht besitzen, und dort, wo er besitzt, 
kann er nicht lieben. Das klingt vielleicht paradox und doch 
ist es das Los des größten Teiles der Menschheit. 

Nun erst kann ich Ihnen die Technik schildern, mit deren 
Hilfe man in das Unbewußte eines anderen Menschen ein- 
zudringen vermag. 

Wenn ich Ihnen nun im Fall Ilse diese psychoanalytische 
Methode erläutern will, werden Sie vielleicht einwenden, das 
Unbewußte Ilses sei mir, dem Arzt, ja bereits bekannt, somit 
auch bereits im voraus klar, was die Psychoanalyse ergeben 
muß. Und in Folge davon, wäre es da nicht einfacher — nach 
Ihrer Meinung — , Ilse über ihre Triebe aufzuklären, die sie 
dann erkennt und beherrscht, wodurch die zeitraubende Ana- 
lyse erspart bliebe. 

Aber leider ist die Sache doch nicht so einfach. Sie werden 
gleich sehen, um wieviel komplizierter es in unserer Seele 
aussieht. Wenn ich auch eine Wurzel von Ilses Perversion 
erkannt habe, habe ich noch lange nicht die vielen anderen 
gelöst; und wenn wichtige Ursachen ihrer abnormen Neigungen 
unerforscht bleiben, kann Ilse nicht genesen. 

Mit Ihrem Vorschlag aber, einfach Ilse über ihre Triebe 
aufzuklären, würde ich einen schweren Fehler begehen und 
gerade das Gegenteil erreichen. Denn bedenken Sie doch: 
das Bewußte wacht doch ängstlich darüber, daß die Tür zu 
dem ihm sonst so quälenden Unbewußten verschlossen bleibt. 
Rüttle ich nun an dieser Tür, so wird das Bewußte mit ver- 
stärktem Widerstand dagegen ankämpfen. Ilse würde mir also 



18 



etwa antworten: „Wie können Sie solche Triebe bei mir ver- 
muten? Ich kann doch nicht einmal eine Fliege töten sehen, 
ich empöre mich maßlos, wenn ein Kind gequält wird." Und 
wenn ich ihr darauf sagte: „So lassen Sie sich doch nur 
einmal von Ihrem Mann schlagen, dann werden Sie sofort 
sehen, daß diese Mißhandlung Ihre Liebe zu ihm aufflammen 
läßt", würde Ilse ihr erwachtes Begehren etwa mit Mitleid zu 
ihm motivieren. Weil der Arme sich durch ihr sprödes Beneh- 
men habe hinreißen lassen, sie zu mißhandeln, was ihn nun 
quäle, dauere er sie und daraus entspringe ihre erhöhte Zärt- 
lichkeit zu ihm. So würde sie hundert andere Motive ihrer 
Gefühlsäußerungen finden, nur nicht das wahre. In offener 
Aussprache würde ich mir den Weg zu ihrem Innern durch das 
nunmehr argwöhnisch gewordene Bewußtsein gänzlich ver- 
rammeln. Der erregte Widerspruch Ilses wäre für uns bereits 
ein Fingerzeig, daß es aber so ist. 

Wenn Sie, meine Damen und Herren, einen Menschen finden, 
der einen Betrug oder Diebstahl besonders verurteilt, oder wenn 
eine Frau sich über den Fehltritt eines Mädchens besonders 
ereifert, so können Sie ganz gesetzmäßig annehmen, daß ge- 
rade diese verurteilten Eigenschaften bei den Entrüsteten selbst 
in besonderer Stärke triebhaft angelegt sind, aber vom mora- 
lischen Bewußtsein mit erhöhten Schuizmaßregeln, wie Wider- 
willen, Ekel, Abscheu, in das Unbewußte verdrängt worden sind. 
So schützen sich diese nun durch ihr strenges Urteil vor ihren 
eigenen starken Trieben, die deshalb doch in ihnen leben und 
sie quälen und in unbewachten Momenten ihren Opfern zu- 
flüstern: „Seht Ihr, der kann seine Triebe ausleben lassen, 
töten, betrügen, sexuell genießen — und Ihr dürft das alles 
nicht, Ihr müßt Euch beherrschen, und entbehren!" Haßvoller 
Neid ist so die unbewußte Ursache eines solchen strengen 
Urteils. 

Der aber, der seine Triebe aus dem Unbewußten erlöst, 
sie erkannt und bewältigt hat, der allein besitzt Menschenliebe 
und Güte, der wird menschliche Fehler bemitleiden, aber nicht 
mehr verdammen. 

Das sind heute gesicherte Erkenntnisse. 

2' 19 






m 



- 









■ 






Nun aber wissen Sie auch die eigentlichen 
Gründe, warum die Psychoanalyse schon von 
ihrer Geburt an verurteilt war, Widerstand und 
Abwehr zu erregen. Weil eben die Psychoanalyse 
dem Unbewußten zur Freiheit verhilft, wogegen 
sich das Bewußte sträubt. 

Ich muß wirklich schon um Entschuldigung bitten, daß ich 
mich immer wieder verleiten lasse, Abschweifungen zu machen. 
Aber in diesen sind so viele seelische Gesetze enthalten, daß 
sie zum Verständnis des Ganzen unbedingt notwendig sind. 

Doch gehen wir nun endlich in die Technik der Behand- 
lung Ilses ein, die ich Ihnen aus Zeitmangel bloß in ihren 
Hauptpunkten schildern kann. Ich fordere Ilse auf, mir das zu 
erzählen, was ihr eben durch den Kopf geht, erkläre ihr aber 
vorher — was Ilse eigentlich schon von meiner ersten ober- 
flächlichen Analyse her weiß — , daß alle logisch geordneten 
Gedanken für uns wertlos sind, da wir ja doch die geheime 
Sprache des Unbewußten erlauschen wollen. Bruchstücke davon 
schwirren uns in allen Momenten, wo das Bewußte ermüdet 
und sorglos ist, zahlreich durch den Kopf. Durch die Ruhe 
tritt bald ein Zustand bei Ilse ein, den wir als „in Träumereien 
versunken" bezeichnen können. 

Jetzt werden mir einige von Ihnen zurufen wollen: „Aber 
das ist ja eine Suggestion, eine Art von Hypnose, die Sie mit 
Ilse anstellen wollen." Aber da würden Sie das Wesen der 
Analyse gänzlich verkennen. Gerade das Gegenteil davon ist 
richtig. In der Hypnose zwinge ich in der Regel meinen Willen 
dem Suggerierten auf (außer ich mache eine Hypnose ohne 
Suggestion), in der Psychoanalyse dagegen verwerte ich aus- 
schließlich das Gedankenmaterial, das mir der Patient bringt, 
und hüte mich, ihm auch nur das geringste einreden zu 
wollen. 

Wie Ilse also so verträumt daliegt, frage ich sie unver- 
mittelt: „An was haben Sie jetzt eben gedacht?" 

Ilse gibt die auf diese Frage übliche Antwort: „Ach, an 
einen Unsinn! Nicht der Mühe wert, es zu erzählen!" 

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li 



_ 



^ 



„Doch! Doch! Erzählen Sie es nur, Sie wissen, daß gerade 
das für uns wichtig ist." 

„Also", sagt sie lächelnd, „an einen roten Luftballon, der 
heute einem Kinde davongeflogen ist." 

„Haben Sie selbst oft mit Luftballons gespielt?" 

„Nein, gar nie!" Dann nach einer Pause sagt sie: „Als 
Ich noch klein war, habe ich gern mit Drachen gespielt." 

Hier bricht sie ab und bringt unvermittelt Gedanken über 
«ine Opernaufführung; dann eine Erinnerung über eine zer- 
brochene Tasse ihres Kaffeeservices und so weiter. 

Zwei Tage später ist sie im richtigen psychoanalytischen 
Fahrwasser. Das Gefühl, alles so hemmungslos und ungeniert 
aussprechen zu können, beruhigt Ilse ungemein, gibt ihr eine 
gewisse Erleichterung, Befreiung von der fortwährenden ge- 
spannten Aufmerksamkeit des Bewußtseins, immer logisch und 
geordnet sprechen zu müssen. Das Bewußtsein rastet sich 
aus und die aufsteigenden Gedanken werden immer kühner 
und freier. Wieder kommen Ilse Kindheitserinnerungen an 
Papierdrachen. Diese Wiederholung schärft meine Aufmerk- 
samkeit und ich lasse Ilse alle Jugendszenen an Papierdrachen 
-assoziieren. Die Papierdrachen erinnern schließlich Ilse an 
Schmetterlinge. Von nun an kommen ihr Gedanken an Schmetter- 
linge immer häufiger. 

In wochenlangen weiteren Bemühungen, die durch die Wider- 
stände des nunmehr immer argwöhnischer und daher vorsich- 
tiger gewordenen Bewußtseins oft ungemein erschwert werden, 
tauchen frühzeitige Kindheitserlebnisse auf, und schließlich haben 
wir eine wichtige Wurzel ihres Übels gefunden: 

Aus dem ersten Einfall des roten Luftballons wurde ein 
Drachen, aus dem Drachen ein Schmetterling. Und mit den 
Schmetterlingen hat es bei Ilse eine besondere Bewandtnis. 
Jlse hat als dreieinhalbjähriges Kind Schmetterlinge geschenkt 

bekommen. 

Damals war sie mit ihrer Engländerin allein. Ihre Mutter 
weilte in Ägypten. Diese gefährliche perverse Erzieherin lehrte 
nun das kleine Mädchen, die lebenden Schmetterlinge mit einer 
Nadel zu durchstechen und damit die Türe ihres Kastens zu 

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I 
J 















garnieren. Das Kind ging mit Lust und Liebe auf dieses grau- 
same Spiel ein. Mit großer Erregung, unter Abscheu und Furcht, 
lösen sich diese bisher verdrängten Erinnerungen aus Ilses 
Unbewußtem. Ein weiterer Durchstich ist uns somit gelungen. 

Sie haben hier einen Beweis, wie nutzlos es gewesen wäre, 
Ilse von ihrem Masochismus erlösen zu wollen, solange ich 
das Ereignis der Faustschläge ihrer Erzieherin als die eigent- 
liche Ursache ihrer Fixation an diesen angenommen hätte. 
Wie es sich nun aus der bisherigen Analyse ergab, wurde 
Ilse durch die Aufspießung der Schmetterlinge schon sechs 
Monate früher an ihren Sadismus fixiert, während erst das 
spätere Ereignis der Schläge ihren Sadismus in einen Maso- 
chismus verwandelte und so ihre Perversion verstärkte. 

Aber der Fall Ilse komplizierte sidi in den folgenden Stun- 
den nodi viel mehr, während wir schon glaubten, die Lösung 
gefunden zu haben. Verdrängte und versleckte Erinnerungen 
tauchen blitzartig in ihr auf, die wir erst mühsam erfassen und 
mosaikartig zusammensetzen mußten. 

Ilse selbst sieht bereits immer klarer in sich. Sie erkennt 
nun deutlich, daß sie einen Sadismus gegen ihre eigene Per- 
son besitzt, daß sie eine eigene Art von Befriedigung empfin- 
det, schon bei der bloßen Vorstellung, geschlagen zu werden, 
daß dabei in ihr ganz seltsame Lustgefühle entstehen, die sie 
in eine sexuelle Spannung versetzen. Sie sieht ein, daß ihre 
ursprüngliche sadistische Veranlagung, die in der ersten Kind- 
heit noch als normal gelten konnte, durch ihre sadistischen 
Handlungen gegen die Schmetterlinge, sodann aber durch die 
Schläge ihrer Erzieherin über die Kinderzeit hinaus, verwandelt 
in ihr fixiert blieben. Das Alles erkennt Ilse bereits aus sich 
selbst heraus. 

Nun hat die Erfahrung der Psychoanalyse eine wichtige 
Regel gelehrt. Wenn die unbewußten Triebe ihr Gefängnis 
durchbrochen haben und von unserem Bewußtsein völlig er- 
kannt werden, ist gewöhnlich die Heilung gegeben. Bleibt 
dagegen dem verständigen Bewußtsein ein beträchtlicher oder 
sehr wichtiger Teil des triebhaften Unbewußten noch unbekannt, 
so läßt sich das Bewußte in keinen weiteren Kampf ein und die 

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k 









aus den verdrängten Trieben enstandene Konflikte bleiben 
bestehen wie sie waren. Dieses Verhalten des Bewußten ist 
deshalb für uns Psychoanalytiker das sicherste Zeichen, ob 
wir auch unsere Aufgabe gelöst haben oder nicht. Eine 
Hysterikerin wird nicht früher ihren gelähmten Arm wieder 
bewegen können, bevor nicht die Veranlassung dieser Läh- 
mung gefunden ist, ein Angstneurotiker nicht früher seine 
Angst verlieren, bevor nicht jeder Faden gelöst ist, mit dem 
sich die Angst verknüpft. Dazu bedarf es oft monatelanger 
geduldigster Arbeit. Mit der Entwirrung des letzten Fadens 
jedoch verschwinden Lähmung und Angst, mögen sie auch 
jahrelang bestanden haben. 

Das klingt sehr sonderbar; doch es ist wirklich so! 

Wie aber läßt sich das erklären? 

Im Kinde sind die ererbten Triebe stärker als das noch 
unreife Bewußtsein. Das Bewußtsein ist erst mit seiner Er- 
reifung imstande, sich in einen Kampf mit einem Trieb ein- 
zulassen. Seine vorherigen Versuche waren ebenso qualvoll 
und schwierig, oft aussichtslos. 

Da das Bewußtsein die Triebe nicht töten kann, macht es 
kurzen Prozeß und verdrängt sie in die Gefangenschaft, in 
das Unbewußte. Ist das Bewußtsein aber ausgereift, so ist 
es auch stark genug, seine verdrängten Triebe mühelos zu 
bewältigen. Aber das Bewußtsein kennt die Stärke dieser 
Triebe nicht mehr und überschätzt sie so. Zwingt man jedoch 
das Bewußtsein, seine Triebe endlich wieder kennen zu lernen, 
sprengt man die Türe zum Unbewußten auf, so sieht das Be- 
wußtsein erst, wie leicht es ist, dieser Regungen Herr zu 
werden, die es einst nur verdrängt hat. 

Mir fällt ein einfaches Beispiel dazu ein: Ein kleiner Junge 
fürchtet sich, in ein dunkles Zimmer zu gehen, weil sich 
etwas Schreckliches auf einem dort befindlichen Kleider- 
ständer bewegt. Ich nehme ihn bei der Hand, mache ihm 
Mut und führe ihn ins Zimmer. Auf dem Kleiderständer hängt 
ein weißes Leintuch, das sich im Wind bewegt. „Da sieh', 
Onkel'" schreit er angstvoll und klammert sich erschreckt 



/ 



* 



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- 



an mich. Ich gehe hin, nehme das Leintuch fort und zeige 
ihm seine unbegründete Angst. Von diesem Augenblick 
an ist jede Furcht bei ihm verschwunden. Er kennt 
jetzt seinen Feind und weiß, daß es nichts mehr zu fürchten 
gibt. 

Ähnlich ergeht es auch unserem Bewußtsein. Zwar sind 
bei ihm hinter dem Leintuch keine bloßen Luftgestalten, son- 
dern wirkliche Gegner, aber meist leicht besiegbare, im 
wahrsten Sinne des Wortes kindliche Gegner. 

Aber noch gibt es eine andere Taktik des Bewußtseins. 
Nach der Erkennung seiner bisher unbewußten Triebe kann 
das Bewußtsein sie jetzt vielleicht gar nicht mehr bekämpfen 
wollen. Denn es gibt Fälle, wie zum Beispiel bei Homo- 
sexuellen, wo das Bewußtsein sagt: „Ja, jetzt sehe ich klar 
in mir; man hat mich gezwungen, das, was ich einstmals ver- 
drängt habe, jetzt wieder frei zu lassen und zu erkennen; 
Triebe, die ich heute beherrschen könnte. Aber ich verzichte 
auf meine Herrschaft. Ich lasse lieber meine Triebe über 
mich herrschen, weil ich durch sie größere Lustgefühle ge- 
winne als ohne sie. 

Das ist natürlich Sache der Moral und Ethik. 

Oder es gibt auch Fälle, wo ein neurotisches Symptom 
— etwa eine hysterische Erblindung — seinem Besitzer mehr 
Vorteile bringt als die Heilung von dieser. Vielleicht einen 
materiellen, durch Erregung von Mitleid oder einen seelischen 
Vorteil, durch Erregung von Sorgfalt und Liebe, die er sonst 
entbehren müßte. Solche Kranke werden aber auch, trotz 
ihrer Beteuerungen, nie ihren Widerstand gegen eine psychische 
Beeinflussung aufgeben. 

Bei Ilse ist es aber anders. Ilse ist ethisch und sittlich 
und ihre Triebe sind ihr verhaßt. Doch trotz aller Erfolge 
der bisherigen Analyse, trotz aller Erkenntnisse blieb die 
Heilung bei Ilse noch immer aus. Sie konnte sich von der 
nun bewußten Sehnsucht nach Schlägen trotz besten Willens 
noch immer nicht befreien und blieb frigid. Das war somit 
das sicherste Zeichen, daß die Analyse noch immer nicht 

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.__ 



— 




alle Wurzeln aufgelöst hatte. Somit mußten wir unermüdlich 
weiterarbeiten, bis mir eines Tages Ilse mit einem Traume 
die Lösung brachte. 

Als ich Ihnen, meine Damen und Herren, vorhin die Frage 
in den Mund legte, mit welchen Mitteln man in das Unbe- 
wußte eines Menschen eindringen könne, antwortete ich: „Durch 
Erfassung und Verwertung von ausgesprochenen Gedanken, 
die aus dem Reiche des Unbewußten stammen und der Zensur 
des Bewußtseins entschlüpft sind". Das war ja der Weg, den 
wir bisher bei Ilse kennen gelernt haben. 

Nun setze ich fort: „Eine weitere Möglichkeit gewährt der 
Traum." Im Traume können die unbewußten Gedanken viel 
ungestörter aufsteigen als sonst, da doch das Bewußtsein 
schläft. Dadurch wäre aber auch jede Nacht die Gefahr vor- 
handen, daß dem Bewußten das mühsam verdrängle Unbe- 
wußte nun doch entkommt. 

Dagegen schützt sich das Bewußte auf zweierlei Art : Vor 
allem zieht es in der Regel nach seinem Erwachen die Auf- 
merksamkeit von dem Gelräumten ab und verdrängt es wieder 
und der Träumer vergißt sofort seinen Traum. (Außer unter 
besonderen Umständen.) Anderseits stellt das Bewußtsein 
Wächter auf, die es bei Gefahr sofort erwecken, oder aus 
Angst vor dieser gar nicht einschlafen lassen. (Eine häufige 
Ursache der Schlaflosigkeit.) 

Dem Unbewußten bleibt nur der Ausweg: durch Ver- 
schiebungen und Verschleierungen seiner wirklichen Gedanken 
seine Wächter zu täuschen, um so mehr der lästigen Kon- 
trolle zu entkommen. Das ist die Ursache, warum das Un- 
bewußte sich so oft der Sprache der Symbolik bedienen muß, 
um sich überhaupt bemerkbar zu machen. Mit Geduld und ■< , 
Übung kann man die Sprache des Traumes verstehen lernen. 

Die Gesetze der Traumdeutung, eine der genialsten Lei- 
stungen Freuds, muß ich Ihnen aber leider heute, wegen Zeit- 
mangels, vorenthalten. 

Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen auch gleich die 
dritte Möglichkeit nennen, durch welche sich das Unbewußte 



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I 



V 



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der Überrumplung des Bewußtseins bedient: der sogenannten 
Fehlleistungen (das Versprechen, Verlieren, Verschreiben 

usw.). 

Sie kennen doch gewiß den als Witz schon sehr be- 
kannten Ausspruch eines Mannes: „Meine Frau und ich haben 
beschlossen, wenn einer von uns stirbt, so ziehe ich nach 
Berlin." Sie werden aus diesem Versprechen doch un- 
schwer den Wunsch erkennen, daß dieser Mann seine Frau 
überleben will. So ist das Versprechen zum Verräter seiner 
vielleicht ganz unbewußten Gedanken geworden; so wie 
bei der Dame, die im bewundernden Ton zu einer anderen 
sagt: „Diesen neuen, reizenden Hut haben Sie wohl sich 
selbst aufgepatzt!" (statt aufgeputzt). 

Doch nunmehr zum Traume Ilses, den sie mir unter großer 
Affektenlwicklung mitteilt: 

Ilse träumt, sie gehe mit ihrem jüngeren Bruder auf der 
Reichsbrücke. Von einem vorbeifahrenden Bierwagen fällt ein 
kleines Faß herunter, das zu ihr kollert, je näher das Faß 
kommt, desto größer wird es, größer als Ilse selbst. Ilse will 
erschreckt davonlaufen. Ihr Bruder hält sie fest, öffnet den 
Deckel des Fasses und will Ilse in dieses hineinstecken. Ilse 
sieht zu ihrem Entsetzen, daß die Innenwände des Fasses 
ganz mit Nägel bespickt sind. Auf ihre Hilferufe tauche 
ich plötzlich auf, ziehe einen Nagel aus dem Faß und durch- 
bohre damit ihren Bruder. Schweißgebadet wacht Ilse 
dabei auf. 

Ich vertiefe mich sofort mit Ilse in jeden einzelnen Teil 
ihres Traumes. Daß die Nägel des Fasses in Verbindung 
mit den Nadeln durch die Schmetterlinge standen, das war 
uns beiden klar. Daß im Traume ich selbst zu ihrer Rettung 
herbeikam, war auch ziemlich durchsichtig, denn Ilse kam 
doch in meine Behandlung, um von ihrer Eigenart errettet zu 
werden. Warum aber gerade ihr Bruder, dessen Existenz 
mir übrigens Ilse bisher verschwiegen hatte, sich im Traume 
so grausam gegen sie benahm, ist Ilse vollständig 
unverständlich. Ilse und ihr Bruder lieben sich zärtlich, sie 
streiten nie und haben sich stets vertragen. Nur als ganz 









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kleines Kind war sie eifersüchtig auf ihn, weil sie seit seiner 
Geburt nicht mehr die alleinige Liebe ihrer Eltern besaß. 

„Nun," meinte ich, „vielleicht hätte er damals eine Ursache 
gehabt, gegen Sie so aggressiv zu sein." 

Ilse, ganz in Gedanken versunken, flüstert nun ganz deut- 
lich die Worte vor sich hin: „Vielleicht aus Rachel" 

„Warum aus Rache?", frage ich. 

„Was für eine Rache meinen Sie?", erwidert Ilse. 

„Sie haben doch jetzt eben gesagt: „Vielleicht aus Rache!" 

Nun leugnet Ilse auf das entschiedenste, je diese Worte 
gebraucht zu haben. „Ich kann sie gar nicht gesagt haben, 
denn sie wären vollständig sinnlos." 

So mußte ich annehmen, daß Ilses Worte: Vielleicht aus 
Rache _ aufgetauchte Gedanken des Unbewußten waren, die 
der scharfen Kontrolle des Bewußtseins in einem günstigen 
Moment entgingen. 

Und in der Tat war es auch so, denn schließlich kam 
unter großer Affektentwicklung bei Ilse der endgültige Durch- 
bruch des Unbewußten und sie brachte in einer Fülle von 
Erinnerungen alle uns noch fehlenden Lösungen. 

Zusammenfassend ergibt sich nun folgendes: 

Als Ilse von ihrer Engländerin die Folterung der Schmetter- 
linge lernte, wollte das damals 3 V> jährige Kind auf dieselbe 
Art ihren unbequemen Nebenbuhler in der Liebe zu ihren 
Eltern, ihren kleinen Bruder, beseitigen und steckte eines 
Abends eine lange Stricknadel in die Matratze des Gitter- 
bettes des l 1 /, jährigen Kindes, damit sich dieses ebenso 
daran aufspieße wie ihre Schmetterlinge. Voller Erregung 
stand sie in dieser Nacht von ihrem Bettchen auf, um sich 
von dem Resultat ihrer Handlungsweise zu überzeugen. Zu 
ihrer maßlosen Überraschung fand sie aber ihren Bruder 
friedlich und unverletzt schlafend. 

Kurz darauf wurde Ilse bekanntlich das Opfer der sadi- 
stischen Schläge ihrer Erzieherin. Der Sadismus, der aktive 
einerseits (der die Folterung der Schmetterlinge und das 
Attentat gegen ihren Bruder verursachte) und der passive, also 
der Masochismus anderseits (der durch die Erduldung der 



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Schläge entstand) vereinen sich bei Ilse und hemmen bei 
dem vierjährigen Mädchen den natürlichen normalen Verlauf 
ihrer Sexualentwicklung. 

Nach dem kurz darauf folgenden Abschluß der ersten 
Sexualperiode tritt das Kind in ihre ethisch moralische Ent- 
wicklungszeit ein. Verstärkt durch eine strenge Erziehung 
fängt sich das Kind zu schämen an, macht sich Selbstvorwürfe 
über seine Grausamkeit und bekommt ein immer quälenderes 
Schuldgefühl wegen der einstigen Tötungsabsichten gegen ihren 
Bruder; die Arme peinigt sich um so mehr, als sie sich nie- 
mandem anvertrauen kann. Eines Tages hört Ilse ihre Eltern 
die Handlungsweise eines bekannten Knaben verurteilen: „Was 
sagst Du dazu", fragte der Vater die Mutter, „daß der Konrad 
den Kleinen von der Bailustrade heruntergestoßen hat, so daß 
sich dieser das Bein brach?! — Konrad ist ja ein geborener 
Verbrecher. Der wird noch einmal im Zuchthaus enden." 

Man unterschätzt fast immer das Auffassungsvermögen 
der Kinder. Sie verwerten das Gesehene und Gehörte viel 
mehr als man glaubt. Die Worte ihres Vaters über Konrad 
regten Ilse jahrelang nachher noch maßlos auf. 

„Wenn der Vater erst wüßte, daß ich meinen Bruder ab- 
sichtlich töten wollte!", warf sie sich vor. Ihr kindliches Be- 
wußtsein, müde des quälenden Kampfes, verdrängte nunmehr 
ihre Seelenkonflikte ins Unbewußte. 

In der folgenden zweiten Sexualentwicklungsperiode, in 
der schweren Zeit der Pubertät, wo die Sexualität im reifenden 
Kind einen so mächtigen Vorstoß macht, um sich genital zu 
lokalisieren und zum Fortpflanzungszweck auszubilden, emp- 
findet Ilse alle ihre sexuellen Regungen als ihre sadistischen 
Feinde, die ihr schon so viele Qualen verursacht haben, 
und verdrängt sie daher schleunigst immer wieder ins Unbe- 
wußte. Das Bewußte muß daher seinerseits zu erhöhten Vor- 
sichtsmaßregeln greifen, um das jetzt verstärkte Unbewußte 
noch gefangen halten zu können. Solche Vorsichtsmaßregeln 
wurden nun für Ilse: ein übertriebenes Mitleidsgefühl für Tiere, 
eine besondere Liebe und Zärtlichkeit für ihren Bruder. Einst- 
weilen kristallisieren sich die sadistischen Triebe in ihrem 

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mm 



Unbewußten immer mehr zu Bestrafungswünschen aus, damit 
Ilse endlich ihr einstiges Verbrechen gegen ihren Bruder 
sühnen könne. So wird ihr ursprünglicher aktiver Sadismus 
immer mehr in die passive, masochistische Rolle gedrängt, 
bis schließlich — in ihrem Unbewußten — Ilse nur dort Lust- 
und Sehnsuchtsgefühle empfindet, wo sie die Erfüllung ihrer 
sexuell betonten Bestrafungstendenzen erwarten kann. Wegen 
der Ähnlichkeit mit der Engländerin verliebt sich Ilse somit 
in ihren jetzigen Mann, vor dem sich ihr Bewußtes zwar 
fürchtet, von dem aber ihre unbewußten Triebe in einer Art 
Wiederholungszwang unter dem Vorwande der bald nun er- 
reichten Bestrafungsaussicht durch die Erfüllung ihres passiven 
Sadismus auch wieder Lust erhoffen. In diesen Erwartungen 
wurde Ilse enttäuscht. Ihr Mann schlug sie nicht und so 
schwand ihr Begehren nach ihm. Sie blieb frigid. 

Daß dies die wahre Lösung war, bewies die daraufhin er- 
folgte restlose Heilung Ilses. Ilse erkannte jetzt die Über- 
flüssigkeit und Übertriebenheit ihrer schweren Schuldgefühle 
für unverantwortliche Kinderstreiche, löste ebenso unschwer 
ihre Fixierungen an den Sadismus und wurde eine normal 
empfindende Frau und Gattin. 

Aber — um ganz aufrichtig zu sein — ich glaube trotz- 
dem nicht recht an das fernere Eheglück Ilses. Denn, soweit 
ich Ilse durch die Analyse kennen gelernt habe, paßt sie ganz 
und gar nicht zu ihrem Mann. Ilse hätte ihn sicherlich auch 
nie geheiratet, wenn sie vorher die ursprünglichen Motive 
ihrer Neigung zu ihm so gewußt hätte wie jetzt. Motive, die 
doch nun überwunden sind. Hätte sie sich vor ihrer Ver- 
heiratung analysieren lassen, so hätte sie auch die Möglich- 
keit gehabt, von vornherein eine richtige Wahl zu treffen. 

So wie bei Ilse kenne ich übrigens eine ganze Reihe 
irriger Eheschließungen, bei denen die ursprünglich gefühlte 
Liebe nur aus einer zufälligen, nebensächlichen Ähnlichkeit an 
eine liebgewonnene Jugenderinnerung entstand. 

Wie oft passieren uns allen solche Fehlschlüsse bei weniger 
wichtigen Gelegenheiten. Eine Gegend zum Beispiel, von der 
wir begeistert sind und bei der wir erst beim nächsten Be- 

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such uns überzeugen können, wie überschätzt wir ihre Schön- 
heit haben, weil nur die Nebenumstände, eine angenehme 
Gesellschaft oder Ähnliches, sie damals liebenswert erscheinen 
Hessen. Hier bezahlen wir unseren Irrtum bloß mit einer über- 
flüssigen Reise, dort aber mit unserem Lebensglück. 

Bevor ich den Fall Ilse schließe, kann ich mir eine kurze 
Bemerkung nicht versagen, die dem Kapitel der Jugender- 
ziehung zugedacht ist. Die meisten Eltern machen in der Er- 
ziehung denselben Fehler wie einstens unser kindliches Be- 
wußtsein und verdrängen die Triebe ihrer Kleinen ins Unbe- 
wußte statt ihre Beherrschung zu lehren. 

So hätten Ilses Eltern — wie es des öfteren der Fall war 
— den Sadismus des Kindes nicht durch Drohungen und 
Strafen verdrängen dürfen (wodurch er im Unbewußten wirk- 
sam blieb), sondern hätten lieber an Ilses Verständnis und 
Einsicht appellieren müssen. Sie hätten Ilse durch liebevolles 
Vorhalten der furchtbaren Schmerzen, die Tiere bei ihrer 
Quälung empfinden, behilflich sein müssen, diese Triebe ab- 
flauen zu lassen. So müßte man auch die anderen Fehler 
erzieherisch zu meistern trachten. Wenn ein Kind stiehlt, so 
schlagen es seine Eltern und drohen ihm. Aus Angst vor den 
Schlägen wird von nun an das Kind vielleicht nicht mehr 
stehlen. Es wird zur Verdrängung gezwungen. Aber all das, 
was ins Unbewußte geschoben ist, lebt nun zeitlebens weiter 
in ihm, wenn auch stets durch mächtige Motive gebändigt, die 
ihm etwa zuflüstern: „Du darfst nicht stehlen, weil du sonst 
bestraft wirst, weil du ehrlos wirst, weil du eingesperrt wirst." 
So bleiben die meisten Menschen bloß aus Furcht ehrlich, 
im Gegensatz von denen, deren Eltern es verstanden haben, 
schon von den ersten Kinderjahren an diese Neigung durch 
liebevolle Stärkung der kindlichen Einsicht für mein und dein 
endgültig zu bewältigen. 

Mit Ilse habe ich Ihnen einen leichten Fall erläutert, der 
Ihnen nur darum komplizierter erscheinen dürfte, weil ich an 
ihm die nicht leichten Grundregeln der Analyse aufbauen 

30 



mußte. Der Fall Ilse gehört — wie ich schon eingangs er- 
wähnte — fast zu den schon normal zu nennenden Richtungen 
der Sexualität, wie sie mehr oder weniger bei uns allen an- 
getroffen werden. 

Nun will ich Ihnen aber an zwei Beispielen aus meiner 
Praxis ausgesprochene Neurosenerkrankungen vorführen. Aber 
glauben Sie deshalb nicht, daß Sie keine Beziehungen auf 
Ihr eigenes Leben finden werden, weil Sie sich gesund und 
normal fühlen. Ich hingegen könnte Ihnen unschwer beweisen, 
daß wir alle insgesamt, auch Sie, nur Grenzfälle sind mit 
mehr oder minder fließenden Übergang in die Neurose. 
(Selbstverständlich habe ich mir bei diesen Patienten ebenso 
wie bei Ilse vorher die ausdrückliche Erlaubnis eingeholt, ihre 
Krankengeschichte hier mitteilen zu dürfen.) Aber fürchten Sie 
nichts mehr! Meine weiteren Ausführungen werden Sie nicht 
mehr ermüden. Es sind kleine dramatische Streiflichter aus 
dem Leben. 

Meine Damen und Herren! In dem folgenden Fall, den 
ich Ihnen jetzt bringen will, werde ich Ihnen nicht ersparen 
können, sexuelle Vorgänge beim richtigen Namen zu nennen. 

Erscheint auch Ihnen die r uhige, wissenschaftliche Be- 
sprechung unserer Sexualtriebe häßlich und widerwärtig, so 
leiden Sie unbedingt auch an diesbezüglichen Hemmun gen 
und Verdrängungen. 

Denn warum sollte das Sexuelle s o häßlich sein, wenn wir 
nicht selbst das Häßliche in dieses hineintragen? 

Den Sexualvorgängen, der tiefsten und herrlichsten Schöp- 



t fung der Natur, schulden wir unsere Existenz, unsere größten 
1 Lustgefühle, unsere wunderbarsten Augenblicke. 

Alles Schöne um uns verdankt im Grunde nur der Sexua- 



lität seine Entstehung: Die Farbenpracht der Blumen wie 



der berauschende Duft der Blüten zur Anlockung der Insekten 



für ihre Befruchtungsvorgäng e, der Gesang der Vögel als 
Wettbewerb für die Wahl des Weibchens, das ganze, so an- 
ziehende graziöse Liebesspiel so vieler Tiere. Dies alles findet 
in den prächtigen Toiletten der Frau, in den wohlriechenden 






I 






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Essenzen und Parfüms, im einstigen Minnegesang, in der Ko- 
ketterie und im Tanze seine menschliche Fortsetzung. 

So sind alle schönen Künste, wie Malerei, Musik, Dicht- 
kunst, nur losgelöste, selbständig gewordene Teile einer ur- 
sprünglichen Sexualstrebung. 

Wo wir hinsehen, finden wir die Gesetze der Sexualität, 
weil eben nur durch sie die Pflanzen, Tiere und Menschen sich 
erhalten und fortbilden können. Ja in einem gewissen Sinne 
dient selbst unser Selbster haltungst rieb nur der Gewährleis tung 
der Fortpflanzungsmö glichkeit en, worauf es der Natur am 
meisten ankommt. D ieser Selbsterhaltungstrieb schwindet mit 
dem zunehmenden sexuell ärmeren Alter daher auch immer 
mehr, falls wir nicht Teile unserer Sexualität schon frühzeitig 
in Kunst und Wissenschaft zu sublimieren und so bis ins hohe 
Alter zu bewahren verstanden haben. Denn sonst ist das 
lustbetonte Leben bei allen Lebewesen ja doch nur die Zeit 
der sexuellen Jugendkraft. 

Das Sexuelle ist eben wirklich die Quelle unseres Glücks 
und Daseins, soviel wir uns auch dagegen sträuben wollen. 
Spricht die erwachte Schönheit eines liebenden Weibes, 
ihr verändertes glückstrahlendes Wesen nicht die beredetste 
Sprache, wozu ihr die Gaben der Anmut verliehen sind?! 
Und wenn sich die Bienenkönigin bei ihrem Hochzeitsflug in die 
fernsten Höhen des Äthers von Tausenden von Drohnen verfolgen 
läßt, um sich endlich der zu schenken, die allein sie noch er- 
reichen konnte, zeigt das nicht zur Genüge, wozu Geschick- 
lichkeit und Kraft von der Natur verwertet werden? Ja, haben 
wir nicht das seltsame Analogon im menschlichen Organismus 
selbst, wenn bei der Befruchtung des weiblichen Eies im 
obersten Teil der Gebärmutter sich dieses mit der Samenzelle 
zum werdenden Menschenkind vereint, die unter Millionen die 
stärkste und schnellste war, um es zuerst zu erobern. 

So leben wir in einem Meer von Sexualität, das durch alle 
unsere Sinne flutet. 

Warum also diese falsche Prüderie?! Wie viel natür- 
licher, harmloser und reiner wären wir als Kinder gewesen, 
wenn wir in psychoanalytisch richtiger Weise über sexuelle 

32 







• 



Dinge rechtzeitig aufgeklärt worden wären. Eine Aufklärung, 
die erfahrungsgemäß nie Scham- und Zügellosigkeit, sondern 
stets nur Sittlichkeit und Beherrschung mit sich bringt. 

So aber werden die Kinder in ihrer freien Sexualentwick- 
lung gehemmt, gezwungen, heimliche und oft schädliche Pfade 
zu beschreiten, um sich über ihr sexuelles Triebleben endlich 
die ersehnten Kenntnisse zu verschaffen. Kenntnisse, die oft 
mit bleibendem Schaden an Körper und Seele teuer erkauft 
werden müssen. 

Und diese Kinder werden selbst zu Eltern, verdrängen durch 
die Forderungen der Kultur ihre normalen, gesunden sexuellen 
Strebungen und besetzen nunmehr infolgedessen alle ihre 
sexuellen Wünsche mit Entrüstung, Widerwillen und Hemmun- 
gen aller Art, bis sich die Sexualität in ihnen nur mehr 
in scheuer Lüsternheit oder besonderer Sittenstrenge zu 
offenbaren wagt. In diesen Vorurteilen erziehen diese Kin- 
der ihrer Eltern nun ihrerseits wieder ihre Kinder. Vorurteile 
aber sind Fehlurteile, die ich Sie nun bitte, so weit als mög- 
lich abzulegen. 



• 



Eine halbblinde, ehrwürdige, alte Dame läßt sich zu mir 
hereinführen und spricht ziemlich resolut: 

„Mein Schwiegersohn wird Ihnen morgen mein einziges 
Enkelkind zur Behandlung übergeben, wogegen ich mich — 
ich spreche ganz offen mit Ihnen — vergeblich gewehrt habe." 

„Warum wollten Sie es nicht, gnädige Frau?" 

„Weil meine Enkelin ein absolut unschuldiges Mäd- 
chen i st, das noch niemals geliebt hat und auch von Liebe 
nichts wissen will, und die Psychoanalyse doch" — sie sucht 
nach Worten — „ sich nur mit sexuellen Dingen beschäftigt. 
Ich komme daher, Sie zu bitten, mit Alice n icht über sexuelle 
Sachen zu sprechen. Sie ist erst 18 Jahre alt." 



Belustigt erwiderte ich: „Gnädige Frau, Sie scheinen falsch 
unterrichtet zu sein. Die Aufgabe der Psychoanalyse beruht 
nicht darin, über sexuelle Dinge zu sprechen, sondern um 
verborgene, schädlich wirkende Triebe aus den Menschen 



Urbanlschilsch, Psychoanalyse. 3 



33 






zu lösen. Die Psychoanalyse sucht nicht nach se- 
xuellen Dingen, sondern findet sie dabei immer." 

„Nun, bei Alice werden Sie nichts finden. Sie lief Ihnen 
auch in der ersten Stunde davon, wenn Sie von diesen Dingen 
redeten. Sie verträgt nicht die geringste Anstößigkeit." 

Ich verzichtete nach diesen Worten auf jede weitere 
Erklärung, hielt ihr auch keinen Vortrag über meine An- 
schauungen über Sexualität wie gerade hier, sondern sagte 
bloß: 

„Ich werde die Behandlung des Fräuleins so führen, wie 
ich sie auch bei meinen anderen Fällen ausübe. Aber Sie 
können beruhigt sein, gnädige Frau. Ich werde nur dann über 
sexuelle Sachen mit ihr sprechen, wenn sie davon beginnen 
wird." 

„Dann kann ich auch beruhigt sein", sagt die alte Dame 
und erhebt sich. 

„Darf ich auch wissen, was eigentlich dem Fräulein fehlt?" 

„Das wird Ihnen morgen mein Schwiegersohn berichten. 
Ich bitte Sie, meinen heutigen Besuch vor ihm nicht zu er- 
wähnen." 

Sie grüßt und geht. 

Und ich denke mir: Glaubt denn die alte Dame wirklich, 
daß, weil ihre sexuellen Wünsche bereits verflogen sind, auch 
junge, normal funktionierende Fortpflanzungsorgane keine sol- 
chen hegen werden? Oder meint sie etwa, weil sie schon fast 
erblindet ist, daß deswegen auch für alle anderen die Farben 
der Natur verblassen müssen? 

Dieses Gespräch, das sich fast wortgetreu so abspielte, 
habe ich Ihnen so ausführlich gebracht, weil es für die heu- 
tige allgemeine Anschauungsweise über die Psychoanalyse 
charakteristisch ist. 

Vom Vater meiner zukünftigen Patientin erfuhr ich am 
nächsten Tag, daß seine Tochter seit mehr als zwei Jahren, 
unabhängig von jeder Nahrung, täglich in der Früh oft unter 
starken Schmerzen erbreche, dann aber den ganzen Tag nicht 
mehr. Alle Diagnosen darüber haben sich bisher als Fehl- 
diagnosen erwiesen. Auf den Rat des Assistenzarztes eines 



34 






bekannten Klinikers versuche er nunmehr die Behandlung eines 
Psychoanalytikers. 

Wenn die alte Großmutter geahnt hätte, was ich mir bei 
dieser Erzählung gedacht habe! Denn meine erste flüchtige 
Vorstellung über das mir noch völlig unbekannte Mädchen 
war — idi muß es Ihnen leider gestehen — die einer Hysteri- 
kerin mit Schwangerschaftsphantasien. Das morgendliche Er- 
brechen ist doch ein bekanntes Symptom der Schwangeren; 
und dieses Symptomes sdieint sidi das Mäddien aus irgend- 
weldiem Grunde bemächtigt zu haben. 

Am nächsten Tag kommt endlich das Fräulein Alice selbst. 
Ich bin überrasdit: ein sympathisches, ungemein kluges, ruhiges, 
zielbewußtes Mäddien, das durchaus harmonisdi veranlagt zu 
sein scheint und absolut keinen hysterischen Eindruck madit. 

Gegen die Psydioanalyse verhält sie sich ebenso ablehnend 
skeptisch wie ihre Großmutter. 

Ich lasse mir zuerst ihre Lebensgesdiidite erzählen: 

Ihr Vater, ein heute verarmter Aristokrat, besaß vor dem 
Kriege ein großes Landgut, auf dem Alice mit ihren drei Ge- 
schwistern aufgewachsen ist. Ein wenig älterer Bruder und 
zwei jüngere Schwestern. Die Mutter, mit der sie sich nie 
recht verstand, starb, als Alice zwölf Jahre alt war. Seither 
führte sie selbst schon den ganzen Haushalt, sorgte für Vater 
und Gesdiwister und ersetzte gewissermaßen die fehlende 
Mutter. Sie fühlte sich außerordentlidi wohl dabei. 

Eines Tages überraschte sie der Vater mit der Nachricht 
seiner baldigen Wiederverheiratung. Sie war verzweifelt dar- 
über und verfolgte ihre neue Stiefmutter mit dem glühendsten 
Hasse. Ebenso unvermittelt aber ließ sidi ihr Vater, aus ihr 
unbekannt gebliebenen Gründen, wieder von seiner Frau 
sdieiden. Ganz spontan verspradi er Alice, nie mehr mit ihrer 
Stiefmutter zusammenzukommen und nur mehr für sie und 
ihre Geschwister zu leben. Für Alice begann somit wieder 
das ihr so erwünsdite Leben, in dem sie die sorgende Hausfrau 
spielen konnte. 

Dann kam der wirtschaftliche Zusammenbrudi, die Familie 
zog nadi Wien, wo Alice den Haushalt weiterführte. Jahre 

3' 35 






sind seither vergangen. Eines Tages begegnete sie ihrem 
Bruder auf der Straße, der ihr voll Erregung mitteilte: „Denk' 
dir nur, Alice, Papa war nicht verreist, wie er uns vorgab. 
Ich habe ihn eben jetzt früh aus dem Hause der Stiefmutter 
herauskommen gesehen." Alice wurde darüber so erregt, daß 
sie keines Wortes fähig war. 

Wie Alice mir dies erzählt, sage ich zu ihr: 
„Und von diesem Moment an setzt Ihr Erbrechen ein?" 
„Keine Spur", erwidert sie, „das Erbrechen war schon 
ein halbes Jahr vorher." Aber die Analyse ergab nach einigen 
Tagen zu ihrer eigenen größten Überraschung mit Sidierheit, 
daß erst von der Nachricht ihres Bruders an sie zu erbrechen 
begann. 

„Was für Gedanken haben Sie bei dieser Nachricht ge- 
habt?" 

„Daß mein Vater sein Wort gebrochen hat. Ich habe ihm 
das nie verzeihen können. Ich habe mich daraufhin selb- 
ständig gemacht und bin zu meiner Großmutter gezogen." 

Nun konnte ich Alice unschwer eine der Wurzeln ihres Er- 
brechens aufdecken: der Ekel darüber, daß ihr Vater sein Wort 
gebrodien hat. „Warum aber das morgendliche Erbrechen?! 
Was bedeutet das?" fragte ich sie. Und nun. bringt mir Alice 
unvermittelt in einer plötzlichen Eingebung die gewünschte 
Antwort, die ich ihr noch nicht zugetraut hätte: 

„Sie meinen wohl, daß nur Frauen so erbrechen, die in die 
Hoffnung kommen?" 

Gewiß meine ich das. Vielleicht haben Sie in Ihrer Phan- 
tasie eine solche Möglichkeit bei Ihrer Stiefmutter vermutet?" 

Bei diesen Worten springt Alice in größter Erregung vom 
Sopha auf und schreit und stöhnt: 

„Woher wissen Sie das? Ja! Das ist wahr! Das habe 
ich mir gedacht! So ist es!" 

Aber ein hysterisches Symptom, wie es sich als solches 
jetzt fraglos bei Alice entpuppte, hat viele starke Wurzeln, 
und nicht bloß eine. Wir nennen die mehrfachen Ursachen 
eines Symptoms in der Psychoanalyse : überdeterminiert. 

So konnte ich auch bei Alice nicht hoffen, schon alle Ur- 

36 



sachen ihrer Erkrankung gefunden und sie dadurch geheilt zu 
haben. 

Am nächsten Tag erscheint Alice, erzählt mir, daß das Er- 
brechen heute morgens viel heftiger aufgetreten sei als sonst, 
was ja zu erwarten war, da — wie wir ja bereits wissen — 
die Rüttelung an der verschlossenen Tür zum Unbewußten 
den Organismus stets in große Aufregung versetzt. Aber Alice 
leugnet heute glatt ihr gestriges Geständnis: sie habe nie 
eine solche Phantasie gehabt, das war ein gänzlicher Irrtum. 
Ein mühevolles wochenlanges Forschen folgt nunmehr. Alice 
kommt gern und freudig jede Stunde, bei der sie jede sexu- 
elle Besprechung streng vermeidet, bis wir auf die große Bin- 
dung Alices an ihren Vater stoßen, womit wir eine Haupt- 
wurzel aufgedeckt haben. Alice hat nie die Ablöse von der 
Liebe zu ihrem Vater erreicht — deshalb konnte sie auch 
niemanden anderen lieben und blieb seit ihrer Kindheit 
in ihrer Liebe unbewußt an ihren Vater gebunden. Dieser 
normale kindliche Ödipuskomplex ist schließlich in der Puber- 
tätszeit pathologisdi geworden. 

Seitdem Alice von dem Wortbruch ihres Vaters erfahren 
hat, hat sie sich — nun erschrecken Sie nicht, idi kann es 
Ihnen nicht ersparen, denn es ist einmal so und eine bewiesene 
Wahrheit — hat sich Alice in der Phantasie in die Rolle der 
Stiefmutter versetzt, und ihr Erbrechen als Ausdruck ihrer Sehn- 
sucht nach der eigenen Schwangerschaft dieser Provenienz 
verwendet. Alice war es, die unter den größten Erregungs- 
ausbrüchen diese verdrängten und seither gänzlich unbekannten 
Wunsche wiedererkannte und im größten Affekt auch bekannte. 
Diese seit der Mitteilung ihres Bruders sogenannten „ein- 
geklemmten Affekte« lösten sich nun befreiend aus ihr. 

Ein Analogon finden wir etwa bei einem Beleidigten, der 
aus irgendwelchen Motiven seine Beleidigung unterdrücken 
muß, aber doch seither sie quälend wirkungsvoll mit sich herum- 
trägt, auch wenn er nicht mehr daran denkt. Kann er endlich 
dem Beleidiger seine Meinung ins Gesicht sagen, fühlt er 
sich erleichtert und befreit. 

Von diesem Moment an war ein mächtiger Durchbruch 



37 






des Unbewußten gelungen. Aber das Erbrechen blieb nach 
wie vor bestehen. Noch galt es nämlich die Ursachen dieser 
sexuellen Fixierung an den Vater zu ergründen. Warum 
konnte die Arme nicht die normale Ablöse von ihrem Vater 
finden ? ! 

Wieder vergingen Wochen darüber. Es kam nach 2 VsTOOr 
natlichen täglichen Analysen der Februar dieses Jahres, und 
nur noch zwei Wochen standen mir für Alicens Analyse zur 
Verfügung, da ich zum Studium neuer Hilfsmittel der Psycho- 
analyse, der sogenannten aktiven Therapie, die ich an mir 
selbst erproben wollte, Wien auf viele Monate verlassen 
mußte. 

Diese mir schon im Prinzipe bekannte Methode, die eine 
wesentliche Beschleunigung der Behandlung herbeizuführen 
pflegt, wandte ich nun teilweise bereits an Alice an: ich ver- 
setzte sie in große Affekte und erklärte ihr, daß ich in 14 Tagen 
die Behandlung abbreche, weil ich verreisen muß. Alice sei 
aber selbst daran schuld, wenn sie nur unvollständig geheilt 
bleiben werde, da sie mir absichtlicherweise wichtige Er- 
eignisse aus ihrem Leben verheimliche. 

Alice beteuerte, daß sie mir nichts mehr verschweige, weil 
es nichts mehr zu verschweigen gebe, nannte mich rücksichts- 
los, ja gewissenlos, wenn ich sie nicht fertig heile, und ver- 
ließ mich verzweifelt und erbittert. 

Von diesem Tag an folgten Schlag auf Schlag bei Alice 
— als Durchbrüche aus dem Unbewußten — Jugenderin- 
nerungen bis in die früheste Kinderzeit. 

Dieses Verhalten des Unbewußten unter der Peitsche einer 
starken Erregung findet ja auch seine Analogien im gewöhn- 
lichen Leben. Wie viele Menschen, mit denen wir jahrelang 
verkehren, kennen wir doch eigentlich nicht, weil wir nicht 
unter die konventionale Kulturkruste durchsehen können, bis 
wir sie einmal in leidenschaftlicher Erregung sehen. Bei Schiffs- 
oder Eisenbahnunfällen, bei Feuerkatastrophen, kurz unter 
einer Schockwirkung jeglicher Art brechen bei den meisten 
Triebe hervor, die oft diese selbst nicht bei sich ahnten. 

Die Erinnerungen Alices waren durchwegs frühzeitige 



38 






sexuelle peinliche Erlebnisse, die die Hemmung ihrer nor- 
malen Sexualentwicklung verschuldeten. Als sie drei Jahre 
alt war, hatte ein Gärtnergehilfe ihres Vaters sie wieder- 
holt auf seinen Schoß ge setzt und sich sexuell mit ihr ge- 
spielt. Von die sem Tage an lernte sie die Onanie. In ihrem 
siebenten Lebensjahr hat ein Knabe von einem Nachbargut 
ein sittliches Attentat auf sie unternommen, das nur durch 
ihre energi sche Abwehr nicht vollständig gelang. V oll Schrecken 
lief sie davon. Doch niemand hai je davon erfahren. Diese 
Szenen erzählt mir Alice unter konvulsivischen Zuckungen, 
wobei sie dieselben Gefühle in der Erinnerung wiedererlebte, 
wie bei dem Geschehen selbst. 

Nun stockt die Analyse wieder. Das morgendliche Erbrechen 
lockerte sich bei Alice; an zwei folgenden Tagen sistierte es 
gänzlich, trat aber dann wieder auf. Noch mußte ein Rest im 
Unbewußten verblieben sein, gegen dessen Entwurzelung das 
Bewußtsein Alicens noch mit verzweifeltem Widerstand kämpfte. 

Wieder brachte ein Traum, zwei Tage vor Beendigung der 
Kur, die Lösung und dadurch die endgültige Lösung von ihrem 

Leiden. 

Alice träumte, sie gehe mit ihrem Bruder in einen blü- 
henden Obstgarten. Sie steigt auf eine Leiter, fällt und wird 
von ihrem Bruder aufgefangen. Sie liegt in seinen Armen und 
sieht auf die Blüten des Baumes ober sich. Da bemerkt sie 
einen häßlichen langen Wurm aus einer Blüte kriechen. Wie 
Alice ihn noch voll Widerwillen beobachtet, fällt er ihr plötz- 
lich direkt in den Mund. Mit Grausen bricht sie ihn heraus, 
er aber kriecht wieder in den Schlund. Hier wacht sie unter 
heftigem Erbrechen auf. 

„Nun haben wir die Lösung", sage ich. 

„Nun, so sagen Sie mir den Sinn des Traumes." 

„Den müssen Sie selbst finden, sonst nützt Ihnen der 
ganze Traum nichts. Sie wissen doch, daß nur Selbsterkanntes 
die Heilung bringt, aber nicht Gehörtes." 

Doch Alice kann den Traum nicht deuten, trotz aller ver- 
zweifelter Bemühungen. Und ich helfe ihr nicht. 

Da in der letzten Stunde unseres Beisammenseins kommt 

39 






/ 



sie schreckensbleich zu mir: „Herr Doktor", stoßt sie müh- 
sam beherrscht hervor, „jetzt weiß ich es!" 

„Nun, was wissen Sie?" Doch schon weiß sie es wieder 
nicht. Wieder wird sie plötzlich fahl im Gesicht und will es 
sagen, doch wieder ist es verdrängt und sie weiß bereits in 
der nächsten Sekunde schon nicht mehr, daß sie mir über- 
haupt etwas sagen wollte. 20 Minuten verstreichen so in direkt 
sichtbarem fortwährenden Kampf ihres Unbewußten mit dem 
Bewußten. Ein Kampf, den man miterlebt haben muß, um an 
die Existenz des Unbewußten glauben zu müssen. Diese 
20 Minuten werden mir unvergeßlich bleiben. Zehn Minuten 
vor der gänzlichen Beendigung der Kur, unter der drohenden 
Nähe dieses Schlußtermins, hat der Kampf mit dem Unbe- 
wußten geendet. 

Alice erka nnte . nunmehr durch ihren Traum ihr folgen- 
schwerstes Kindheitserlebnis: Einstmals zwang der Bruder 
[ Alicens die damals Achtjährige, an ihr eine sexuelle Han dlung 
vorzunehmen, Hjp im Traum durch den Wurm in ihrem 
Munde seine~deutliche Symbolik fand. I hr Bruder hatte ihr 
ja auch die Nachricht überbracht, daß der Vater mit der 
Stiefmutter verkehrte und so war das Symptom ihres Erbre- 
chens gleichzeitig noch der ihr bisher unbewußte Ausdruck 
des Ekels auch gegen ihren Bruder, der sie so abscheuliche 
Dinge lehrte. 

Diese Erlebnisse hatten es nun mit sich gebracht, daß die 
dadurch in ihr entstandenen, verdrängten und seither unbe- 
wußt wirkenden Scham- und Schuldgefühle eine normale se- 
xuelle Weiterentwicklung im reifenden Kinde verhinderten. So 
kam sie nicht über die Liebe zum Vater hinaus und blieb an 
ihn fixiert. 

Nun erst sah Alice die ganzen Zusammenhänge klar vor 
sich — und wie ich erst nachträglich erfahren konnte — ihr 
Erbrechen war und blieb endgültig erledigt. Alice war geheilt. 

Hier muß jeder theoretische Zweifel an der Lehre der 
Psychoanalyse am Beweis der Wirklichkeit enden! 

Und ich denke an die Großmutter Alices zurück, die von 
der Überzeugung durchdrungen war, daß ihr Enkelkind noch 



40 



■ 






keine Ahnung von sexuellen Dingen habe. Hat die alte Frau 
nicht doch vielleicht in einem gewissen Sinne recht gehabt? 
Alice wurde ja wirklich von ihrer zweiten Sexualperiode an 
wieder „unschuldig" und trug bloß ihre einstigen Erlebnisse 
als ein nun unbewußtes und doch triebhaft lebendes Erbe in 
sich. Wissen wir denn alle, wie wir da sitzen, was in uns 
selbst an wirksamen verdrängten Erlebnissen unserer ersten 
Kinderjahre triebhaft in uns lebt? Niemand darf sich aus- 
nehmen. Er würde in einer tiefen Analyse überraschende Er- 
kenntnisse sdiöpfen. 

Klingt das nicht an Vererbungen an, aber an Vererbungen 
aus selbsterlebten Entwicklungsperioden, die denselben Ge- 
setzen unterworfen sind wie die Erlebnise unserer Vorfahren, 
die wir als Triebe und Instinkte mit auf die Welt bringen? 

Ist in diesem Sinne nicht anderseits auch ein neugeborenes 
Kind schon „schuldig"? 

Nun schnell noch zu meinem letzten Fall. Die Zeit drängt, 
und so werde ich diesen bloß in seinen Umrissen kurz skizzie- 
ren, um so mehr er bis heute noch — psychoanalytisch — 
bloß als Fragment zu bewerten ist. 

Anfang dieses Jahres bringt mir spät abends der bekannte 
Referent im Wiener städtischen Jugendamt, Herr Vorstand 
August Aichhorn, den 16jährigen Sohn eines/ höheren Be- 
amten, und erzählt mir dessen seltsame Geschichte: 

Erich ist Realgymnasiast, hochbegabt, erster seiner Klasse, 
dabei bescheiden, ordentlich und nett. Im Sommer stirbt sein 
Vater. Von da an ist er wie ausgewechselt. Er schwänzt die 
Schule, flaniert den ganzen Tag in den Gassen herum und 
wenn er nach Hause kommt, können Mutter und Schwester sich 
nicht vor seinen Bosheiten schützen. Der Mutter verweigert 
er Gehorsam und jedwede Antwort, der Schwester bricht er 
die Kasten auf und schenkt ihre intimsten Andenken seinen 
Kameraden, und zerreißt und verschleudert ihre wertvollsten 
Bücher. Und alles das völlig grundlos. Eines Tages ist er ver- 
. schwunden. Bei Linz fängt ihn die Gendarmerie wegen Vaga- 
bundage ein und bringt ihn der verzweifelten Mutter zurück. 

41 






Kurz darauf entweicht er wieder. Diesmal ist er längs der 
Donau bis Passau zu Fuß gewandert und hat, ganz verhungert, 
Kartoffeln von den Bauern gestohlen. Wieder hat ihn die Gen- 
darmerie aufgegriffen. Der trostlosen Mutter erscheint als ein- 
ziger Ausweg zur Bekämpfung seines Wandertriebes nur mehr 
die Abgabe in eine Besserungsanstalt. „Aber schon meine 
erste Aussprache mit ihm", meint der Vorstand, „läßt mich bei 
ihm an die Hilfe der Psychoanalyse denken. Wollen Sie ihn 
nidit ansehen?" 

Eine Minute später steht ein hübscher, hochgewachsener 
Bursch vor mir, der finster zu Boden blickt. 

Ich nehme ihn bei der Hand und sage zu ihm: 

„Erich, fürchte Dich nicht vor mir. Ich bin nicht Dein Feind. 
Ich will Dir doch helfen." 

„Mir ist nicht zu helfen!" 

„Du kannst Dir nicht helfen. Aber wenn Du willst, so 
komme morgen zu mir. Vielleicht wird es uns beiden zu- 
sammen gelingen!" 

Er nickt mit dem Kopf. 

„Hand darauf, Erich!" Er gibt mir die Hand. 

Am nächsten Tag kommt er. Wir sprechen über indiffe- 
rente Sachen, über seine Gedanken und Lebensanschauungen, 
aber kein Wort über die eigentliche Ursache seines Kommens. 
Es wäre auch ein taktischer Fehler. Ich muß erst gänzlich 
sein Vertrauen und dabei auch Einblicke in seine Seele ge- 
winnen. 

Nach der zweiten Stunde kommt seine Mutter. Eine nette, 
gebildete Frau. Glückstrahlend dankt sie mir: „Wie haben 
Sie das nur fertig gebracht?" 

„Ja, was denn?" 

„Erich ist doch seit gestern wie ausgewechselt! Er spricht 
wieder freundlich zu mir, will wieder in die Schule zurück 
und wollte sich auch mit seiner Schwester versöhnen, wenn 
sie es gelassen hätte. Kurz, er ist wieder wie in seinen guten 
Zeiten. Und nach bloß zwei Stunden Behandlung!" 

Nun versichere ich ihr, daß ich noch überhaupt keine Be 
handlung begonnen habe und daß ich selbst noch gar nich 

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die Zusammenhänge kenne; was sie mir aber absolut nicht 
glauben will. 

Bei dieser Gelegenheit erzählt sie mir, wie unglücklich ihr 
Leben war : „Ich war zweimal verheiratet. Aus jeder Ehe habe 
ich ein Kind. Magda aus erster Ehe und Erich aus der 
zweiten. Magda hat ihren Stiefvater so gehaßt und jahrelang 
kein Wort mit ihm gesprochen, daß diesem sein Heim ver- 
leidet wurde und er schließlich als Trinker und Spieler mein 
ganzes Geld durchbrachte, wodurch wir vollkommen ausein- 
anderkamen. Als er im Herbste starb, ließ er uns mittellos 
zurück. Seither ist das Unglück mit Erich gekommen. Monate- 
lang wagte ich es nicht, die zwei Stiefgeschwister allein 
zu lassen, mit solch erbittertem Haß bekämpften sie einander. 
Und mit dem Mädel ist auch etwas nicht in Ordnung. 

Ach, Herr Doktor, wenn Sie mir Magda auch so wie Erich 
in die Behandlung nehmen könnten!" 

Leider konnte ich ihre Bitte nicht erfüllen. Ich hatte keine 
Zeit, außerdem verreiste ich bald. Vielleicht im Herbst. Aber 
im Interesse Erichs fand ich mich gern bereit, mit ihr zu 
sprechen. 

Aus der Erzählung dieser Frau dämmerten mir nun erst 
die Zusammenhänge von Erichs rätselhaftem Betragen auf. 

Zwei Tage später, als es mit der Mutter besprochen war, 
kam Magda zu mir. Ein ungewöhnlich schönes Mädchen, voll 
Hochmut und Mißtrauen. Erst mit der Zeit wird sie freier 
und zutraulicher und verspricht mir endlich, Erich wieder zu 
grüßen. — Wir verabreden eine Kur im Herbst. 

Dieser damalige erste Besuch Magdas bei mir wurde für 
Erich von verhängnisvoller Bedeutung, wie Sie gleich hören 
und verstehen werden. Plötzlich ist er wieder rezidiv ge- 
worden. Nicht in der äußeren Auswirkung, dazu habe ich 
bereits einen zu großen Einfluß auf ihn gewonnen — sondern 
in seinen inneren Triebregungen. 

Nur mit der größten Willensanstrengung verübte er keine 
Bosheitsakte mehr, und wenn er zu mir in die Stunde kam, - 
mußte ihn seine Mutter begleiten, sonst wäre er unfehlbar 

43 






wieder längs der Donau durchgegangen. Soweit der Tat- 
bestand. 

Und was soll das nun alles bedeuten? Das vorläufige 
Resultat der Analyse ergab folgendes: 

Erich hat seit dem Tode seines Vaters, als einziges männ- 
liches Mitglied der Familie, das Erbe der Persönlichkeit seines 
Vaters angetreten — wie wir sagen — , er hat sich mit seinem 
Vater identifiziert, er ist zu seinem eigenen Vater geworden. 
Alle seine Handlungen lassen sich daraus erklären: 

Der Vater war mit seiner Frau verfehdet, Erich wird es * 

mit der Mutter. 

Der Vater hat seinen Beruf vernachlässigt, Erich schwänzt 
die Schule. 

Der Vater hat auf Kosten seiner Frau gelebt, Erich will 
seine Ausbildung unterbrechen, um folgerichtig dasselbe 
zu tun. 

Der Vater hat mit seiner Stieftochter in Feindschaft ge- 
lebt, Erich verfeindet sich mit Magda. Die Art aber, wie Erich 
seine Feindschaft gegen Magda ausübt, gibt sehr zu denken 
und läßt nun umgekehrt Schlüsse zu, wie die Feindschaft 
Magdas gegen ihren Stiefvater entstand. 

Erich vernichtet alle Gegenstände, an denen Magda beson- 
ders hängt. Aus Bosheit, werden die meisten sagen. Aber 
nein, aus Eifersucht und Liebe. Er ist eifersüchtig auf das, 
was Magda am liebsten hat, da er ihre Liebe ungeteilt für sich 
allein haben will. Aber Erich steht seinen durch die Vater- 
identifizierung ausgebrochenen Trieben voll Widerstand gegen- 
über. Er hat seinen Vater innerlich wegen seiner schlechten 
Eigenschaften, wegen seiner Spiel- und Trunksucht, verachtet. 
Nun soll er selbst so werden?! Diesen Konflikten will und 
muß er entgehen, und so flieht er von zu Hause, will vor sich 
selbst entfliehen. Und warum längs der Donau? Weil über 
Passau seine Reise ging, als er mit der Hilfsaktion nach 
Schweden kam, wo er die glücklichsten Zeiten seines Lebens 
in den Wäldern und Fjords_ verbrachte. Dort erhoffte er seinen 
Seelenfrieden zu finden. All das triebhaft, unbewußt, erst jetzt 
erkannt. 

44 



Seiidem er zu mir kam, fand er in mir einen Vater, wie 
er seinen Vater haben wollte; er wurde wieder zum Sohn. 
Und mit diesem Moment fiel seine ganze Vateridentifizierung 
wieder zusammen. 

Und sein Rückfall? — Einige Tage, nachdem Magda bei 
mir war, erfuhr er von ihrem Besuch bei mir und daß Magda 
bereit war, auch in meine Kur zu kommen. Nun sagte sich 
sein Unbewußtes: Magda hat niemals mit meinem Vater ge- 
sprochen. Sie stand ihm feindselig und fremd gegenüber. Mit 
dem Doktor aber spricht Magda. Somit kann der Doktor 
nicht mehr mein Vater sein, und die Identifizierung erstand 
ihm wieder in ihrer alten Stärke. 

Ich konnte, wie gesagt, meine Psychoanalyse mit Erich 
nicht vollenden. Bis hieher erkannte Erich alles klar in sich. 
Aber noch gibt es ungelöste Fragen; vor allem, warum es 
ihn trieb, sich mit seinem Vater zu identiiizieren. 

Einstweilen brachte ich ihn in eine Forstwirtschaft unter, 
wo er sich — dem Elternhaus entrückt — , in der Freiheit, 
seinen Fähigkeiten und Trieben entsprechend, vorzüglich be- 
währt und sich ebenso glücklich fühlt wie auf den Fjorden 
Schwedens, während er in einem anderen Beruf unterge- 
gangen wäre. 

Man kann daraus erkennen, wie wichtige Fingerzeige die 
Psychoanalyse auch auf unsere Berufswahl zu geben im- 
stande ist. 






Wir haben an den wenigen Beispielen schon gesehen, wie 
äußerst kompliziert die Strebungen unserer Seele sind. 

Schnitzler nennt die Seele ein weites Land. Wahrhaftig, 



das ist es auch. Ein Land mit ungeheuer vielen Irrwegen, und 



gas ist es aucn. cm Lang mii ungeneuer vielen Irrwegen, una / 
nur ein Weg darin ist der richtige, der einzige erstrebens- f / 
werte, der Weg der Harmonie, der Weg zu unserem Glücke. / 



Den zu suchen und zu finden ist die Aufgabe der Psycho- 
analyse. 

Den Psychoanalytikern selbst aber lehrt seine Wissen- 
schaft Verständnis und Liebe zu den Menschen, Milde und 
Einsicht mit ihren Fehlern, die er nicht mehr als böse zu 



45 



K3 



V 



I 




bewerten lernt, sondern nur mehr als irrige und bedauerns- 
werte Triebe. 

Und was wir in unserer Schulzeit nur als leere Worte der 
Religion aufnahmen, daß nicht Reichtum, Stellung und Macht, 
isondern nur Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung in uns 
IZufriedenheit und Seelenglück e rstehen lassen, Worte, zu denen 
uns Kindern damals jede wirkliche Beziehung fehlen mußte, 
das sind uns in der Psychoanalyse Erkenntnisse geworden, 
Wahrheiten mit lebender Kraft. 

Wenn auch in meinen heutigen Ausführungen noch wich- 
tige Kapiteln der Psychoanalyse unbesprochen bleiben muß- 
ten — denn mehr kann in einem Vortrag mit dem besten 
Willen weder von mir gebracht, noch von Ihnen erfaßt werden 
— , so habe ich Ihnen doch Einblicke in den Geist und das 
Wesen der Psychoanalyse zu geben versucht. 



i 



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- — ■■ 




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Verlag von Moritz Perles, Wien 

I., Seilergasse 4. 

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Sgan der Gesellschaf, für innere Medizin und gMfiTflB 
der Larvnqo-rhinologischen Gesellschaft, der Gesellschaft für 
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Ä • An Vereiniaunq de Gesellschaft für Tuberkulose- 
foÄng d'es" ÄÄ angewandte Psychopa.ho.ogie und 
Psychöfie der österreichischen Gesel schaft für experimentelle 
y9 Phonetik und der Wiener Ärztekammer. 

Redakteur: 

Obermedizinalrat Dr. A. Kronfeld 

Erscheint jeden Samstag. - 1924: 74. Jahrgang 

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VERLAG VON MORITZ PERLES IN WIEN, 

1., SEILERGASSE 4. 



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1 DIE KUNST DER SELBSTÜBER; | 

| REDUNGALSEINENEUE | 

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PRIMARARZT MED. ET PHIL. 

I DR. FRITZ SCHULHOF I 






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Verlag MORITZ PERLES, Wien, 1., Seilerg. 4. 


Gesunddenken 

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Eine Beurteilung des 
Szientismus 

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KARL BETH 

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Die 
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Dr. W. FALTA 
Wien 

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Das rasche Altern 
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Vorstand der I. medizi- 
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Brüder Holllnok, Wien, III. SttlngMit 25.